Br. David Steindl-Rast OSB

ein garten voller glueck titelCopyright © - Verlag Herder

Glücklichsein und ein sinnvolles Leben gehören untrennbar zusammen. Sie werden sicher Menschen kennen, die scheinbar so ungefähr alles haben, was einem ein günstiges Schicksal bescheren kann, aber trotzdem furchtbar unglücklich sind. Dagegen gibt es andere, die mitten im größten Elend zutiefst im Frieden sind und – ja, echt glücklich sind. Überlegen Sie einmal, was diesen Unterschied ausmacht.

Wenn wir tief genug gehen, kommen wir darauf, dass die Glücklichen das gefunden haben, was den Anderen fehlt: ein sinnvolles Leben. Aber wir sollten den Sinn nicht als «das», also als eine Sache bezeichnen. Tatsächlich ist er die einzige Wirklichkeit in unserem Leben, die kein «Etwas» ist. Auch sollten wir nicht sagen, jemand habe ein für alle Mal den Sinn gefunden, so wie wenn sich der Sinn, hat man ihn erst einmal gefunden, sicher für dunklere Tage aufbewahren ließe. Sinn muss man ständig neu empfangen. Das ist wie mit dem Licht: Wenn wir etwas sehen wollen, müssen wir hier und jetzt wieder die Augen aufschlagen.

Ein Bild kann uns sehen helfen, dass Sinn tatsächlich kein «Etwas» ist. Wir im Westen zeigen auf eine leere Vase oder einen leeren Aschenbecher und fragen: «Was ist das?» Die Antworten, die wir darauf bekommen, mögen noch so vielfältig sein, aber sie werden dieses «Etwas» im Allgemeinen als ein bestimmtes Material vorstellen, das auf besondere Weise gestaltet ist: als Glas, das in eine bestimmte Form gepresst oder geblasen ist, oder als Ton, der auf einer Töpferscheibe geformt und dann gebrannt und glasiert worden ist. Das ist ganz natürlich so. Dabei kommen wir kaum auf die Idee, es könnte jemand eine derart andere Geisteseinstellung haben, dass er auf die Frage hin, was das sei, nicht unwillkürlich das Gefäß sieht, sondern den Inhalt und folglich beim Anblick unserer Vase oder unseres Aschenbechers spontan zur Antwort gibt: «Leerheit! » Das ist für uns verblüffend. Leerer Raum? «Ist das alles? » Natürlich muss diese Leere mittels dieser oder jener Form definiert werden. Aber das ist weniger wichtig. Worauf es wirklich ankommt, ist die Leerheit des Gefäßes. Ist nicht sie es, die das Gefäß ausmacht? Das müssen wir zugeben, so merkwürdig uns dieser Ansatz auch vorkommen mag. Das ist so merkwürdig wie der «Klang des Nichtklangs», mit dem es verwandt ist.

So besehen ist auch das Schweigen nicht die Abwesenheit von Wort oder Klang. Es wird nicht als Zustand der Abwesenheit charakterisiert, sondern der Präsenz, einer Präsenz, die für Worte zu groß ist. Wenn wir irgendeine kleine Freude oder einen kleinen Schmerz haben, reden wir unwillkürlich darüber. Werden die Freude oder der Schmerz stark, äußern wir diese Freude oder schreien. Aber wenn das Glück oder Leiden überwältigend wird – werden wir still. Jede Begegnung mit dem Geheimnis verbirgt sich im Schweigen. Im deutschen Begriff «Geheimnis» steckt das Wort «Heim»: ein Geheimnis behalten wir bei uns daheim, zeigen es nicht öffentlich. Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff dafür, «Mysterium», ist vom Tätigkeitswort myein abgeleitet, das bedeutet «still bleiben» oder «den Mund halten». Ein Mysterium, ein Geheimnis ist keine Leere, sondern die unfassbare Präsenz, die uns anrührt und uns sprachlos macht, indem sie uns Sinn erschließt.

Sinn wird nur mittels der Spannung zwischen Wort und Schweigen aufrechterhalten. (Die Begriffe «Wort» und «Schweigen» werden hier in ihrem umfassendsten Sinn genommen, als zwei Dimensionen der gesamten Wirklichkeit.) Sobald wir diese Spannung auflösen, entgleitet uns der Sinn: In dem Augenblick, in dem wir die Spannung brechen, zerbricht auch der Sinn. Würde man die Unterscheidung von Wort und Schweigen übersehen – eine größere und grundlegendere Unterscheidung als jede andere –, so würde man die Spannung auflösen. Aber auch wenn man die Unterscheidung bis zum Punkt der Trennung vorantreiben würde, zerbräche die Spannung. Worauf es ankommt, ist, dass Schweigen und Wort voneinander unterschieden und zugleich auch miteinander vereint werden durch diese dritte Dimension des Sinns, von der bereits die Rede war: derjenigen des Verstehens.

Wie verstehen wir denn eigentlich? Ich möchte sagen, indem wir es dem Wort gestatten uns ins Schweigen zu führen, bis wir wirklich im Wort und durch es das Schweigen vernehmen. Aber konkreter: Wie kommt in einem Dialog Verstehen zustande? Ein echter Dialog ist mehr als ein Austausch von Worten: Das «mehr» besteht aus einem Austausch von Schweigen. Da kommt dann das Verstehen ins Spiel. Für echtes Verstehen ist es notwendig, dass das Schweigen in mir ins Wort kommt und sich so zu Ihnen hin ausstreckt, dass es nicht nur Ihr Ohr und Ihr Gehirn erreicht, sondern auch Ihr Herz, diesen Ihren stillen Punkt, den Kern des Schweigens in Ihnen. So ist Verstehen eine Kommunikation im Schweigen, mit Schweigen und zwar im Wort und durch dieses.




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