Br. David Steindl-Rast OSB

sakram leben ziehe deineCopyright © - pixabay

Erlaubt mir mit einer Geschichte zu beginnen. Einige Einsichten unseres Menschenherzens sind so tief, dass nur eine Geschichte helfen kann, sie uns näher zu bringen und mit anderen zu teilen. Der grundsätzliche Sinn dessen, was wir mit abstrakten Worten „sakramentales Leben“ bezeichnen, ist eine von diesen tiefen Einsichten. Die Geschichte, welche ich ausgewählt habe, kommt aus der biblischen Überlieferung. Doch die darin ausgedrückten grundlegenden Einsichten gehören zum Schatz aller Religionen und finden sich auch in Erzählungen, welche aus Ost wie West überliefert sind.

Mose weidete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Horeb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. Warum verbrennt denn der Dornbusch nicht? Als der Herr sah, dass Mose näher kam, um sich das anzusehen, rief Gott ihm aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Exodus 3, 1 – 6

Ist diese Geschichte schon zu geläufig geworden, um uns noch mit Ehrfurcht erfüllen zu können? Oder können wir die Kraft dieser Vorstellung wieder finden? Ein Busch in Flammen, doch unversehrt! Es ist eines von diesen Bildern, das einen bleibenden Eindruck im religiösen Geist während Jahrhunderten hinterliess, bleibend, weil er durch tägliche Erfahrung neu gestärkt wird. In ihrem unmittelbaren Zusammenhang steht die brennende Flamme inmitten des Wüstenstrauchs für die göttliche Gegenwart unter dem Gottesvolk, für den „Heiligen Israels“. Aber in einem allgemeineren Sinn ist dieser brennende, doch nicht verbrannte Dornbusch eine alltägliche Sicht - alltäglich und trotzdem erstaunlich - für ein Herz, das Alles durch das göttliche Feuer entflammt sieht.

Wie umwerfend das Paradox ist, welches aus dem brennenden Dornbusch leuchtet, wird erst klar, wenn später Propheten dieses Bild in die Formel „das heilige Eine mitten in dir“ übersetzen. Wir müssen uns daran erinnern, dass Heiligkeit hier nicht so sehr moralische Vollkommenheit als vielmehr Gottes unvorstellbares Anderssein meint. Das Paradox bricht über uns herein, wenn wir diesem unvorstellbar anders Einem mitten in dem begegnen, was uns am Vertrautesten ist.

Zwei Haltungen neigen dazu, uns für diese Begegnung blind zu machen: Weltlichkeit und Weltentrücktheit. Weltlichkeit sieht bloß den Strauch; Weltentrücktheit sieht bloß das Feuer. Aber zu sehen, mit den Augen des Herzens, eines inmitten des andern, das ist das Geheimnis von Sakramentalität. Wir werden dieses Geheimnis nie verstehen, solange wir danach im Zeugnis von jemand anderem suchen, unabhängig davon, wie erhaben jene Erfahrung gewesen sein soll. Das ist der Grund, weshalb ich sehr an Ihre eigene, einzigartig persönliche Begegnung mit dem „brennenden Dornbusch“ appellieren muss. Diese Augenblicke persönlicher Schau, in denen die gegebene Wirklichkeit verwandelt erscheint, werden in der Psychologie „Gipfelerlebnisse“ genannt. Wir alle haben solche Erfahrungen gemacht, aber gewisse Menschen sind wachsamer ihnen gegenüber als andere oder bereiter, sie zuzulassen. Gipfelerlebnisse sind immer ein Geschenk, eine Überraschung. Blitzschnell wird das Vorliegende in einem neuen Licht gesehen, das den Durst unseres Herzens nach dem letzten Sinn stillt. Obwohl ich wiederhole, dass ihr euch an eigene Gipfelerlebnisse erinnern müsst, um die Sakramentalität zu verstehen, lasst mich etwas nachhelfen, indem ich den Bericht eines Freundes, Don Johnson, zitiere:

Ich ging hinaus auf eine Mole im Golf von Mexiko. Ich hörte auf zu sein. Ich erfuhr mich als Teil des Windes, der von der See hereinkam, als Bestandteil der Bewegung von Wasser und Fischen, der Sonnenstrahlen, der Farben der Palmen und tropischen Blumen. Es gab keine Vorstellung mehr von Vergangenheit oder Zukunft. Und es war kein besonders seliges Erlebnis: es war furchterregend. Es war die Art ekstatischer Erfahrung, die ich mit einigem Aufwand an Energie zu vermeiden versucht hätte. Ich erlebte mich nicht als identisch mit Wasser, Wind und Licht, sondern als nähme ich teil am gleichen Bewegungssystem. Wir tanzten alle miteinander…(1)

Das Schlüsselwort hier ist „Eins“. Ein Gipfelerlebniss ist ein Augenblick, wo wir alles „auf die Kurve kriegen“ wie man etwas salopp sagt. Alle diese Risse und Sprünge der Trennung, Polarität, Entfremdung, welche wir gewöhnlich erfahren, sind in einem Augenblick geheilt. „Wie eines Heiligen Schau von Seligkeit. Wie der Schleier der Dinge, wie sie uns erscheinen, von unsichtbarer Hand zurückgezogen. Für eine Sekunde siehst du… Für eine Sekunde gibt es Sinn…“ (2). Dies ist das Geheimnis, indem du entdeckst: alles hat Sinn. Und ein einziger Blick in dieses Geheimnis macht alles ganz. Das Geheimnis ist das Geheimnis von Sakramentalität, das Mysterium, dass das göttliche Leben sich durch alle Dinge vermittelt, genau so wie Sinn durch Worte vermittelt wird. Die zwei gehören zusammen, Sinn und Wort, Gott und die Welt. Die zwei gehören zusammen, ohne Wenn und Aber, sind untrennbar: Sinn und Wort, Gott und die Welt.

Wenn Mose sich nicht um die Schafe gekümmert hätte, wäre er nie auf den brennenden Dornbusch gestoßen.

„Er (seine ganze Fülle) wohnt inmitten des Samens der kleinsten Blume und ist unbeschränkt: tiefer Himmel ist mitten in Ihm, der inmitten des Samens ist und Ihn nicht ausweitet. Gepriesen sei Er! (3) „Für eine Sekunde seht ihr – und das Geheimnis sehend, seid ihr das Geheimnis. (2) Ihr seid das Geheimnis, weil ihr es mit den Augen eures Herzens seht. Keine anderen Augen können es sehen. Im Herzen gesammelt sein, heißt eins sein mit uns selbst, eins mit Gott, der mir näher ist als ich mir selbst, eins in Gemeinschaft mit allen.

Aus diesem Grund entfaltet sich sakramentales Leben immer in Gemeinschaft. Obwohl tief persönlich, ist es nie eine private Angelegenheit. Sakramentalität ist das Geheimnis, dass in unserem riesigen Erd-Haushalt alles mit allem in Verbindung steht, in Myriaden von verschiedenen Wegen, das Leben des Heiligen Einen mitten in uns. Die vielen Gemeinschaften, Kirchen, Kommunen weisen lediglich auf diese eine große Familie Gottes hin, mit mehr oder weniger erfolgreichen Modellen und bruchstückhaften Erkenntnissen davon. Ihre Feiern des Lebens sind auch auf eine Art Sakramente, weil das Leben selbst sakramental ist.

Richtig verstanden sind die Sakramente der christlichen Kirchen nicht in sich abgeschlossene Schachteln göttliche Gnaden vermittelnd. Sie sind Brennpunkte dieses göttlichen Feuers, das alles Leben sakramental macht. Man kann sich kaum jemanden vorstellen, der wahrhaftig die Eucharistie versteht, ohne dass dieser gelernt hat, – zum Beispiel – mit den Augen seines Herzens ein Rotkehlchen zu betrachten: wie es einen Regenwurm hinunter würgt, um sein Junges im Nest zu füttern. Das kosmische Gesetz, dass Leben sein Leben hingeben muss, um neues Leben zu nähren, dieses Gesetz spiegelt einfach das sich selbst übersteigende Geheimnis: durch Gottes Liebe haben wir Leben – Gottes Leben – allein durch den wahrhaftigen Tod Gottes. Das Geheimnis der Eucharistie kommt immer dann in den Mittelpunkt, wenn eine Gemeinschaft eine Mahlzeit achtsam und dankbar miteinander teilt.

Die biblischen Traditionen (jüdische, christliche und islamische) sehen mit besonderer Klarheit, dass sakramentales Leben in der Zeit, in der Geschichte verwirklicht wird. Die Rabbis drücken es so aus: Wenn Mose nicht auf die Schafe aufgepasst hätte, wäre er nicht auf den brennenden Dornbusch gestoßen. Wenn wir nicht dem Leben dienen durch das Geben und Nehmen, das es auf allen Stufen von uns verlangt, werden wir nie seine sakramentale Kraft entdecken. Diese Zugehörigkeit, in der sakramentales Leben wurzelt, erstreckt sich auf die Dimensionen von Zeit, Geschichte, Mühen, Leiden, Dienst. Mose stieß nicht nur inmitten seiner alltäglichen Arbeit als Schafhirte auf den brennenden Dornbusch, sondern diese Schau zwang ihn auch, sich im Alltag für die Befreiung seines Volkes einzusetzen.

Es gibt nur eine Bedingung, um das Leben sakramental sehen zu können: „Zieh deine Schuhe aus!“ Erkenne, dass der Boden, auf dem wir stehen, heiliger Boden ist. Die Schuhe ausziehen ist eine Geste der Dankbarkeit und durch Dankbarkeit kommen wir in sakramentales Leben hinein.

Barfuß gehen hilft wirklich! Es gibt keinen direkteren Weg, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen als durch den direkten physischen Kontakt. Zu fühlen wie verschieden es ist, ob man auf Sand geht oder auf Gras, auf glattem, von der Sonne erwärmten Granit, auf dem Waldboden; sich durch die Kieselsteine etwas wehtun lassen, Schlamm durch die Zehen quetschen. Es gibt so viele Wege, durch die Erde Gottes heilende Kraft dankbar zu spüren. Immer wenn wir die Abgestumpftheit des Gewöhntseins wegnehmen oder aufhören, Dinge als selbstverständlich zu nehmen, berührt uns das Leben mit seiner ganzen Frische und wir erkennen, dass alles Leben sakramental ist. Wenn wir unsere Lebendigkeit messen könnten, so wäre der Maßstab sicher unser Berührtsein vom heiligen Einen, dem unerschöpflichen Feuer im Herzen aller Dinge.



Die Bibelstelle ist nach der deutschen Einheitsübersetzung zitiert.
 1: Don Johnson, The Protean Body, A Rolfer’s View of Human Flexibility (New York: Harper & Row, 1977), p.129.
2: Eugene O’Neil, A Long Day’s Journey into Night, Act 4. 3: C.S. Lewis, Perelandra (New York; Macmillan 1947), p.230.
Aus „Sacramental Life: Take Off your Shoes!“, ©Br. David (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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