Br. David Steindl-Rast OSB

gott begegnen durch sinneCopyright © - Klaudia Menzi

Wenn ich von Gott spreche, meine ich diese Art von Liebe, dieses große Ja zu Zugehörigkeit.

Wenn mich jemand über meine persönliche Beziehung zu Gott fragt, ist meine spontane Reaktion eine Frage: „Was verstehst Du unter „Gott“?“ Während Jahrzehnten habe ich mit Menschen auf der ganzen Welt über Religion gesprochen. Aus diesen Erfahrungen lernte ich eines: das Wort „Gott“ sollte mit äußerster Vorsicht gebraucht werden, wenn wir Missverständnisse vermeiden wollen. Andererseits stoße ich unter den menschlichen Wesen auf tiefgreifende Übereinstimmung, sobald wir einmal diesen mystischen Kern erreicht haben, dem alle religiösen Traditionen entspringen. Selbst jene, die sich nicht mit einer organisierten Religion identifizieren können, sind oft tief in mystischen Erfahrungen verwurzelt. Mein eigener Bezugspunkt für die Bedeutung des Ausdruckes „Gott“ findet sich hier. Er muss in diesem mystischen Bewusstsein verankert sein, in dem alle Menschen übereinstimmen, bevor sie darüber zu sprechen beginnen.

In meinen besten, meinen lebendigsten Augenblicken - in meinen mystischen Augenblicken wenn ihr wollt - habe ich ein tiefes Bewusstsein von Zugehörigkeit. In diesen Augenblicken bin ich mir bewusst, wahrhaft in diesem Universum zuhause zu sein. Ich weiß, dass ich hier kein Waise bin. In meinem Geist gibt es keinen Zweifel mehr, dass ich zu diesem Erd-Haushalt gehöre, in dem jedes Mitglied zu allen anderen gehört, Wanzen zu Biber, Schwarzäugige Susannen zu schwarzen Löchern, Quarks zu Wachteln, Blitze zu Glühwürmchen, Menschen zu Hyänen und Humus. - Zu dieser gegenseitigen grenzenlosen Zugehörigkeit Ja sagen, ist Liebe. Wenn ich von Gott spreche, meine ich diese Art von Liebe, dieses große Ja zu Zugehörigkeit. Ich erfahre dieses Ja gleichzeitig als Gottes Ja zu allem, was existiert (und zu mir persönlich) und als mein eigenes kleines Ja zu all dem. Indem ich dieses Ja sage, erkenne ich Gottes wahres Leben und Liebe im Innern von mir selbst. Aber zu diesem Ja gehört mehr als das Bewusstsein der Zugehörigkeit. Da ist immer auch eine tiefe Sehnsucht. Wer hat nicht beides erfahren in der Liebe, Sehnsucht und Zugehörigkeit? Paradoxerweise vergrößern diese beiden ihre Intensität gegenseitig. Je enger wir zusammengehören, desto mehr sehnen wir uns noch mehr, ganz zusammenzugehören. Sehnsucht fügt unserem Ja zur Liebe einen dynamischen Aspekt hinzu. Die Inbrunst unserer Sehnsucht wird zum Ausdruck und zum Maß unserer Zugehörigkeit. Nichts ist hier statisch. Alles ist mit einer Dynamik in Bewegung, die überdies äußerst persönlich ist.

Wo Liebe echt ist, ist Zugehörigkeit immer gegenseitig. Der Geliebte gehört zum Liebenden wie der Liebende zum Geliebten. Ich gehöre zu diesem Universum und zu diesem göttlichen Ja, das seine Quelle ist, und auch diese Zugehörigkeit ist gegenseitig. Deshalb kann ich „mein Gott“ sagen, nicht in einem besitzergreifenden Sinn, sondern im Sinn einer liebenden Beziehung. Wenn jetzt also meine tiefste Zugehörigkeit gegenseitig ist, könnte meine inbrünstige Sehnsucht auch gegenseitig sein? Es muss so sein. Doch so überwältigend es ist, was ich als meine Sehnsucht nach Gott erfahre, ist Gottes Sehnsucht nach mir. Man kann mit einer unpersönlichen Kraft keine persönliche Beziehung haben. Freilich, ich darf auf Gott nicht die Begrenztheit einer Person projizieren, doch die göttliche Quelle muss alle Vollkommenheit persönlichen Seins besitzen. Woher hätte ich sie sonst erhalten?

Folglich macht es Sinn, von einer persönlichen Beziehung zu Gott zu sprechen. Dessen sind wir uns bewusst - zumindest verschwommen - in Augenblicken, in denen wir am wachsamsten, am lebendigsten und am wahrhaftigsten menschlich sind. Und diese Beziehung können wir pflegen, indem wir Wachsamkeit pflegen, indem wir unser Menschenleben voll ausschöpfen.

Die Bibel drückt diese Erkenntnisse mit den Worten „Gott spricht“ aus. Da ich in der biblischen Tradition aufgewachsen bin, ist mir diese Sprache vertraut, doch würde ich sie ungern jemand anderem aufdrängen. Was zählt ist, dass wir zu einem gemeinsamen Verständnis kommen, was diese oder irgendeine andere Sprache ausdrücken will. „Gott spricht“ ist ein Weg, der auf meine persönliche Beziehung mit der Göttlichen Quelle hinweist. Diese Beziehung kann als Dialog verstanden werden. Gott spricht und ich bin fähig zu antworten.

Gottes unerschöpfliche Poesie gelangt in fünf Sprachen zu mir: sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken.

Wie aber spricht Gott? Durch alles, was da ist. Jedes Ding, jede Person, jede Situation ist letztlich „das Wort“. Es sagt mir etwas und fordert mich auf zu antworten. Jeder Augenblick mit allem, was er enthält, verdeutlicht dieses große Ja auf eine neue und einzigartige Weise. Indem ich antworte, Augenblick um Augenblick, Wort für Wort, werde ich selbst zum Wort, das Gott in mir und zu mir und durch mich spricht. Deshalb ist Wachsamkeit eine so wesentliche Aufgabe. Wie kann ich diesem gegenwärtigen Augenblick eine volle Antwort geben, wenn ich nicht hellwach für seine Botschaft bin? Und wie kann ich hellwach sein, wenn meine Sinne nicht voll wach sind? Gottes unerschöpfliche Poesie gelangt in fünf Sprachen zu mir: sehen, hören, riechen, fühlen und schmecken. Alles Übrige ist Interpretation, Literaturkritik gleichsam, nicht die Poesie selbst. Poesie widersetzt sich der Interpretation. Sie kann nur in ihrer ursprünglichen Sprache ganz erfahren werden. Dies trifft noch viel mehr auf die göttliche Poesie des sinnlichen Seins zu. Wie denn könnte ich aus dem Leben Sinn machen, wenn nicht durch meine Sinne?

Wann und worauf antworten Deine Sinne am ehesten? Wenn ich mir diese Frage stelle, denke ich unmittelbar ans Gärtnern. Die Einsiedelei, in der ich den größten Teil jedes Jahres leben darf, hat einen kleinen Garten. Wegen ihrem Duft ziehe ich Jasmin, Ananasminze, Salbei, Thymian und acht verschiedene Sorten Lavendel wachsen. Welch großer Reichtum an köstlichen Düften auf einem so kleinen Flecken Erde! Und was für eine Vielfalt von Lauten: Frühlingsregen, Herbstwind, das ganze Jahr hindurch die Vögel, Trauertaube, Blauhäher und Zaunkönig; der spitze Ruf des Habichts zur Mittagszeit und der Schrei der Eule bei Einbruch der Nacht; das Geräusch, welches der Rechen auf dem Kies macht, Windspiele und das knarrende Gartentor. Wer könnte den Geschmack von Erdbeere oder Feige in Worte fassen? Was für ein unendliches Angebot von Dingen zum Berühren! Vom nassen Gras unter meinen nackten Füßen am Morgen bis zu dem von der Sonne erwärmten Felsbrocken, an den ich mich lehne, wenn der Abend kühler wird. Meine Augen gehen hin und her zwischen dem Nahen und dem Fernen: dem goldmetallenen Hammer, welcher verloren zwischen den Rosenblättern liegt; die immense Weite des Pazifiks, die sich unterhalb des Kliffs, auf dem die Einsiedelei thront, bis zum weit entfernten Horizont erhebt, wo Meer und Himmel sich im Dunst vereinen. Ja, ich gebe es zu: Einen solchen Platz der Einsamkeit zu haben, ist ein unschätzbares Geschenk. Es macht es leicht, das Herz entfalten zu lassen, die Sinne erwachen zu lassen, einer um den anderen, lebendig zu werden mit neuer Vitalität. Aber, was auch immer unsere Verhältnisse sind, wir müssen irgendwie eine Zeit und einen Ort für diese Art Erfahrung erübrigen. Das ist in jedermanns Leben eine Notwendigkeit, kein Luxus. Was in solchen Augenblicken lebendig wird, ist mehr als Auge oder Ohr: unser Herz horcht und bricht auf zu antworten. Mein Herz bleibt dumpf, verschlafen, halbtot, bis ich meine Sinne einstimme. In dem Maße wie mein Herz aufwacht, höre ich die Herausforderung, mich meiner Verantwortung zu stellen. Wir neigen dazu, die enge Verbindung zwischen Antwortbereitschaft und Verantwortung, zwischen sinnlichem Sein und sozialer Herausforderung zu übersehen. Außen und innen sind aus einem Stück. Wenn wir lernen, mit unseren Augen wirklich zu sehen, beginnen wir auch mit unserem Herzen zu sehen. Wir beginnen dem ins Auge zu sehen, was wir lieber übersehen würden, wir beginnen zu sehen, was in dieser unserer Welt vorgeht. So wir lernen mit unseren Ohren zu hören, hören wir den Schrei der Unterdrückten. Vielleicht beginnen wir zu riechen, dass da „etwas faul im Staate Dänemark ist“, setzen uns an den Tisch und schmecken die frischen und salzigen Tränen der Ausgebeuteten, die wir mit Kaffee und Bananen zusammen importieren. Mit seinem Körper verbunden sein, heißt auch mit der Welt verbunden sein – das schließt auch die Dritte Welt mit ein und alle anderen Gebiete, mit denen unsere dumpfen Herzen aus Bequemlichkeit nicht verbunden sind. Kein Wunder, dass die Mächtigen, diejenigen, welche ein Interesse daran haben, den Status quo zu erhalten, alles argwöhnisch anzusehen, was Menschen hilft, zu ihrem Bewusstsein zu kommen. Auf meinen Reisen bemerke ich, wie leicht es ist, die Aufmerksamkeit zu verlieren. Die Übersättigung unseres Empfindungsvermögens trägt dazu bei, unsere Wachsamkeit zu trüben.

Dankbar leben ist eine Feier des allumfassenden Geben-und-Nehmens des Lebens, ein grenzenloses Ja zu Zugehörigkeit.

Eine Flut von Sinneseindrücken führt dazu, das Herz von aufrichtiger Achtsamkeit abzulenken. Das gibt mir eine neue Wertschätzung für das Einsiedlertum, ein neues Verständnis, worum es bei der Einsamkeit eigentlich geht. Der Einsiedler - in jedem von uns ist ein Einsiedler - rennt nicht vor der Welt davon, aber er sucht den ruhenden Punkt im Innern, wo der Herzschlag der Welt gehört werden kann. Alle von uns haben - jeder in verschiedenem Maß - ein Bedürfnis nach Einsamkeit, weil wir Achtsamkeit entwickeln müssen.

Wie sollen wir dies in der Praxis tun? Gibt es eine Methode, Achtsamkeit zu entwickeln? Ja, es gibt viele Methoden dazu. Die eine, welche ich gewählt habe, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit kann geübt, entwickelt, gelernt werden. Und so wie wir in Dankbarkeit wachsen, wachsen wir in Achtsamkeit. Bevor ich morgens meine Augen öffne, erinnere ich mich daran, dass ich Augen habe zu sehen, während Millionen meiner Brüder und Schwestern blind sind, die meisten von ihnen aus Umständen, die verbessert werden könnten, wenn unsere Menschenfamilie zur Besinnung kommen würde und ihre Mittel vernünftig, gerecht verteilen würde. Wenn ich mit diesem Gedanken meine Augen öffne, besteht die Möglichkeit, dass ich dankbarer bin für das Geschenk der Sehkraft und wacher für die Bedürfnisse derer, die dieses Geschenk nicht haben. Bevor ich abends das Licht lösche, notiere ich in meinen Taschenkalender etwas, wofür ich noch nie zuvor dankbar gewesen war. Ich tue dies seit Jahren und der Nachschub scheint immer noch unerschöpflich.

Dankbarkeit bringt Freude in mein Leben. Wie könnte ich Freude in etwas finden, das als selbstverständlich gilt? Also höre ich auf, etwas als selbstverständlich zu nehmen und - es entstehen, finde ich, Überraschungen ohne Ende. Eine dankbare Haltung ist eine schöpferische, weil letzten Endes das Geschenk im Geschenk jedes gegebenen Augenblicks die Gelegenheit ist. Dies bedeutet meist eine Gelegenheit, mit Freude zu sehen und zu hören und zu riechen und zu fühlen und zu schmecken. Und wenn ich einmal die Angewohnheit habe, diese Gelegenheiten wahrzunehmen, werde ich dies selbst in unangenehmen Situationen auf schöpferische Art tun. Aber am wichtigsten ist, dass Dankbarkeit diesen Sinn für Zugehörigkeit stärkt, den ich ganz am Anfang erwähnte. Es gibt keine engere Bande als die, welche Dankbarkeit feiert, die Bande zwischen dem Geber und dem dankend Empfangenden. Alles ist Geschenk. Dankbar leben ist eine Feier des allumfassenden Geben-und-Nehmens des Lebens, ein grenzenloses Ja zu Zugehörigkeit.

Kann unsere Welt ohne das überleben? Wie immer die Antwort lautet, eines ist gewiss: zur gegenseitigen Zugehörigkeit aller Wesen ein bedingungsloses Ja zu sagen, wird aus dieser Welt eine freudigere machen. Das ist der Grund, warum Ja mein liebstes Synonym für „Gott“ ist.



Aus "Encounter with God Through the Senses", ©Br. David (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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