Br. David Steindl-Rast OSB

fuenf schritte wie du zuCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Wir sind wie die so viel verschiedenen Seifenblasen: alle mit ein und demselben göttlichen Lebensatem gefüllt.

Das Wort „Berufung“ ist mit „rufen“ stammverwandt. Es bedeutet, in deinem Leben das zu tun, wozu sich dein Herz im Innersten gerufen fühlt. Einer Berufung folgen heißt, dein eigenes, einzigartiges Leben zu leben. Das würden wir natürlich alle gerne erreichen, aber wie?

Wenn wir Menschen, die tun, was sie wirklich liebend gerne tun, fragen „Wie habt Ihr es dazu gebracht?“, erfahren wir, dass viele von ihnen damit begannen, sich ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen:
1. Was würde ich wirklich gerne tun?
2. Was kann ich gut tun oder lernen?
3. Welche Gelegenheit gibt mir das Leben gerade jetzt, um das zu tun, was mich mit Freude lebendig macht? Auf diese Art begannen sie bei sich selbst, bei ihren eigenen Talenten und Vorlieben.

1. Frage dich, was dich lebendig macht?

Scheint es dir egoistisch, mit dir selbst zu beginnen? Dann ist es dir höchstwahrscheinlich ein Anliegen, der Welt zu dienen. Dies ist gewiss ein lohnendes Ziel und auch ein sehr wichtiges. Aber hast du den richtigen Ansatz dazu? Howard Thurman, ein herausragender Bürgerrechtsaktivist, Autor des Buches Jesus and the Disinherited und Mentor von Dr. Martin Luther King jr., gab diesen Rat: „Frage nicht, was die Welt braucht. Frage dich selbst, was dich lebendig macht und gehe und tue das, was die Welt braucht, das sind Leute, die lebendig geworden sind.“

Was also macht dich lebendig? Was immer deine Antwort ist, sie wird auf jene Art des Dienens in der Welt hinweisen, für die du dich am besten eignest. Wenn du dies tust, drückst du deine einzigartige Persönlichkeit aus – mit all deinen Talenten und all deinen Begrenzungen und Mängeln sowie deinen Anstrengungen, sie zu überwinden – was dich zu dem macht, der du bist. Und diese Einmaligkeit ist es, welche die Welt braucht.

Vielleicht hast du von Helen Keller gehört oder den Film Licht im Dunkel über sie gesehen. Helen Keller wurde mit einem brillanten Verstand geboren. Doch als sie noch nicht einmal zweijährig war, verlor sie für immer ihr Augenlicht und Gehör. Ungeachtet dessen und mit Hilfe ihrer begabten und hingebungsvollen Lehrerin Anne Sullivan lernte sie zu sprechen und zu schreiben. Auch wurde sie die erste blinde und taube Studentin, welche einen „Bachelor of Arts“ erwarb, heiratete und sich als Sozialaktivistin, Dozentin und Schriftstellerin auszeichnete.

Es gab sogar große Heilige – Jean Vianney zum Beispiel – die mit der Schule kämpften und das Lernen extrem schwierig fanden. Sie mögen durch die Examen durchgefallen sein, aber sie gaben nie auf und schließlich veränderten sie die Welt durch ihre Liebe und ihren mutigen Dienst.

Solche Beispiele können dir helfen zu sehen, dass selbst deine Herausforderungen und die Art, wie du mit ihnen umgehst, Teil des Lebendigwerdens sind und dadurch der Welt dienen. Aber – Beispiele werden uns als Inspiration gegeben und nicht zur Imitation. Es gibt eine jüdische Geschichte über einen Rabbi, der wie Abraham, der Vater des Glaubens, sein wollte. „Mache mich wie Abraham“ betete er, „mache mich wie Abraham!“ Doch Gott sagte zum ihm – so erzählt es die Geschichte – „Sieh, ich habe schon einen Abraham, ich will dich.“ Jeder, den du bewunderst, hat seine/ihre Rolle schon gespielt; jetzt ist es an dir, deine Rolle zu spielen.

Wenn du daran denkst, lebendig zu werden und deine Rolle zu spielen, hilft dir vielleicht das Bild einer Jazzband zu sehen, dass dies überhaupt nicht egoistisch ist. Wie die Mitglieder einer Band spielen, hängt nicht nur von ihren Fähigkeiten als Musiker ab, sondern wie gut sie aufeinander hören. Hier kommen wir zur dritten Frage, welche sich Menschen stellten, die ihre wahre Berufung gefunden hatten. Nachdem sie sich fragten „Was würde ich wirklich gerne tun?“ und „Wo bin ich gut?“, hörten sie allen anderen Spielern zu und fragten sich: „Welche Möglichkeit bietet mir das Leben genau jetzt?“

2. Vertraue den Gelegenheiten, welche das Leben und Gott anbieten

Wenn du einmal weisst, was deinem Herzen eine tiefe und nachhaltige Freude bereitet, strebe danach. Vertraue dem Leben, dass es jeden Moment genau das zur Verfügung stellt, was du brauchst (dieses mutige Vertrauen wird Glaube genannt). Wenn du wirklich dem Leben vertraust, kannst du deine sehnsüchtigen Tagträume loslassen und dich der Realität mit all ihren Überraschungen öffnen (diese Offenheit für Überraschung wird Hoffnung genannt). Mit Vertrauen und Offenheit vorwärts gehen ist wie ein frohgelauntes JA, das du in den kräftigen Wind des Lebens hinausrufst, der dir begegnet. Plötzlich realisierst du: Wir gehören alle zusammen. Das Leben ist ein Netzwerk gegenseitigen Zusammengehörens (und dein JA zum gegenseitigen Zusammengehören wird Liebe genannt).

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, an „etwas glauben“ zu denken, wenn es um Glauben geht. Aber im religiösen Sinn ist der Glaube nicht ein Für-wahr-halten, sondern radikales Vertrauen – letztlich Gottvertrauen. Glaube ist mutiges Vertrauen in das Leben, Vertrauen in diese geheimnisvolle Quelle des Lebens und der Lebendigkeit, welche „Gott“ genannt wird. Und oft verwechseln wir Hoffnung mit unseren Hoffnungen. Aber unsere Hoffnungen gelten Dingen und Ereignissen, die wir uns vorstellen. Hoffnung ist Offenheit für das Unvorstellbare, für Überraschung. Eigentlich ist Überraschung ein guter Name für Gott, denn er engt ihn nicht ein. Auch Liebe wird oft missverstanden. Wir neigen dazu, sie mit Vorlieben zu verwechseln. Aber was Liebe zu Liebe macht, sind nicht unsere Vorlieben, sondern das Bewusstsein gegenseitig zusammenzugehören. Und weil im Universum alles untrennbar mit allem anderen zusammengehört, ist Liebe im wahrsten Sinn dein JA zur grenzenlosen Zugehörigkeit, ein JA, das nicht durch Worte ausgedrückt wird, sondern durch die Art wie wir leben.

In Glaube, Hoffnung und Liebe leben bedeutet, deine wahre Berufung zu finden. Es bedeutet, das Leben mit Vertrauen, Offenheit und einem alles umarmenden JA zu leben und so mit dem göttlichen Leben in dir lebendig zu werden. Die biblische Schöpfungsgeschichte gibt uns ein wunderschönes Bild dafür: Als Menschen werden wir lebendig, wenn Gott Leben in uns einhaucht. Oder mit einem Bild, das uns vielleicht näher ist: Wir sind wie die so viel verschiedenen Seifenblasen: alle mit ein und demselben göttlichen Lebensatem gefüllt. Damit ich mich daran erinnere, mache ich gerne jedes Jahr an meinem Geburtstag Seifenblasen. Wenn du an diese Wahrheit denkst, wirst du die Anderen anders anschauen und nicht nur die Anderen: Du wirst dich selbst anders anschauen und deine Verbindung zu dieser Quelle, Fülle und Dynamik des Lebens, die wir Gott nennen. Dann verstehst du, weshalb der hl. Paulus sagte: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17,28).

Horche mit den Ohren deines Herzens. Wozu lädt dich das Leben gerade jetzt ein? Manchmal lädt uns das Leben ein, etwas zu lernen.

Gibt es eine einfache Methode, dies alles in die Praxis umzusetzen? Es gibt sie. Aber denke daran: Einfach heißt nicht leicht. Du hast dich dem mit allem, was du hast, zu widmen. Die Methode hat drei Teile: anhalten – horchen – antworten.

3. Anhalten

Halte an oder du eilst an der Gelegenheit vorbei, welche dir das Leben genau in diesem Augenblick bietet. Wenn du nicht lernst anzuhalten, fährst du wie mit dem Automaten. Du musst in deinem täglichen Leben Halteschilder einbauen. Bevor du am Morgen die Augen öffnest, bevor du den Schlüssel in die Zündung steckst, bevor du deinen Computer öffnest: Diese Anfänge laden dich ein, für den Bruchteil einer Sekunde anzuhalten. Ebenso tun dies Momente, die dich zum Anhalten zwingen: ein Rotlicht, die Warteschlange beim Check-in oder jemand, der mit Verspätung ankommt. Auch Endpunkte sind gute Halteschilder. Wenn du vom Tisch aufstehst, dein Buch schliessest, das Licht ablöschst: Halte immer kurz an. Im Anhalten übst du Glauben. Du vertraust, dass das Leben und der Geber des Lebens für dich eine Botschaft, eine Einladung haben.

4. Horchen

Und dann horchst du – mit den Ohren deines Herzens. Wozu lädt dich das Leben ein, gerade jetzt? Meistens lädt dich das Leben ein, dich zu freuen: über das, was du siehst, schmeckst, riechst, berührst oder hörst. Anhalten und Horchen machen dich mit all deinen Sinnen lebendig. Sonst eilst du an diesen Freuden vorbei und verpassest sie. Aber manchmal lädt dich das Leben auch ein, etwas zu lernen, zum Beispiel Geduld (das ist nicht so angenehm) oder, dich über das Gewohnte hinaus zu bewegen (das kann herausfordernd sein). Bei anderen Gelegenheiten verlangt das Leben von dir vielleicht, dass du Zeit, Erfahrung, Besitz mit anderen teilst – oder einfach, dass du für deine Überzeugung einstehst. Was immer dies sein mag, es wird immer überraschend sein, wenn du nur tief genug horchst. Denn diese Art von Horchen ist eine Übung in Hoffnung. Sie macht dich immer offener für Überraschung.

5. Antworten

Die größte Überraschung wird es sein zu entdecken, wie du durch Anhalten und Horchen mit anderen liebevoll umgehen wirst, wenn du den nächsten Schritt machst und auf die Einladung des Lebens an einem bestimmten Moment antwortest. Diese Antwort ist eine Übung in Liebe, dein gelebtes JA zur Zugehörigkeit. Es ist deine Antwort auf einen sehr persönlichen Ruf und er wird – was immer du tust – sich in eine Berufung wandeln, deine einmalige Berufung, denn keine andere Person kann mit deinem Herzen horchen und antworten. Die Freude, welche du auf diesem Weg finden wirst, unabhängig davon wie rau er manchmal sein mag, wird dir beweisen, dass es der richtige Weg für dich ist. Dann wirst du erkennen, was es heisst, wenn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh. 10,10)



Aus „Amerikanischem Titel!“ erschienen 2015 auf VISION Vocation Network, ©BibliothekDSR
(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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