Br. David Steindl-Rast OSB

ein neuer grund fuer dankbarkeitCopyright © - pixabay

Heute Morgen begrub ich ein Eichhörnchen. Die Zähne der Katze hatten keine Spuren hinterlassen. In dem Loch, das ich zwischen den frühen Chrysanthemen ausgehoben hatte, schien sich der freche kleine Kerl nur zum Schlafen zusammengerollt zu haben. Als ich ein paar Schaufeln Erde auf sein kleines Grab häufte, erinnerte ich mich mit einem Lächeln an die Kinderspiele, bei denen tote Vögel, Käfer und Mäuse beerdigt wurden. Plötzlich dachte ich an Menschen - Tausende und Abertausende -, die niemand je beerdigt hatte, weil nicht einmal ihre Körper übrig geblieben waren: die Opfer der Gewalt, angefangen bei Hiroshima und Nagasaki bis hin zu Manhattan. Dankbarkeit? Dieses Wort schien unter den gegebenen Umständen vollkommen fehl am Platz, ja sogar beleidigend zu sein.

Und doch ist es bezeichnend, dass wir von “gegebenen” Umständen sprechen. Alles, was gegeben wird, ist ein Geschenk, und die angemessene Antwort auf jedes Geschenk ist Dankbarkeit. Worin könnte in diesem Fall das Geschenk bestehen? Das Geschenk, das uns mit dem Weckruf vom 11. September gegeben wurde, ist eine noch nie da gewesene Gelegenheit. Das Geschenk in jedem Geschenk besteht in einer Chance. In diesen Tagen ist es für uns die Chance aufzuwachen - wach zu werden angesichts des Wahnsinns von Gewalt und Gegengewalt. Letztlich sind wir nur Zeugen des neuesten Glieds einer Kette von Rache für Rache. Dieser gerade geschehene Racheakt ist nicht der erste, aber er bietet uns eine einzigartige Gelegenheit, aufzuwachen und ihn den letzten sein zu lassen.

So befremdlich es ist, waren viele von uns in der Lage, den Teufelskreis der Gewalt - unserer eigenen Gewalt und der anderer - zu ignorieren, solange er sich fern von uns drehte. Wir befanden uns im Schlaf. Dies war ein unsanftes Erwachen. Was nun? Wir können uns für den Weckruf dankbar zeigen, indem wir wach bleiben und indem wir wachsam handeln. Eine erkannte Gefahr, der entgegengetreten wird, ist nur halb so schlimm. Die Gefahr besteht in der Gewalttätigkeit, gleichgültig, wer sie begeht, ob Terroristen oder gewählte Regierungen. Keine Rhetorik, keine Pose kann die Tatsache länger verbergen, dass Gewalt neue Gewalt erzeugt. Wir müssen diesen Kreislauf des Wahnsinns durchbrechen.

Die Gewalt hat ihre Wurzeln in jedem Herzen. Es ist mein eigenes Herz, in dem ich Angst, Unruhe, Kälte, Abneigung und Regungen von blinder Wut zu erkennen habe. Hier in meinem Herzen kann ich Furcht in mutiges Vertrauen, Unruhe und Verwirrung in Stille, Abgetrenntheit in ein Gefühl der Zugehörigkeit, Abneigung in Liebe verwandeln und von irrationalem Verhalten zum Common Sense zurückkehren. Die schöpferische innere Vorstellung von Dankbarkeit wird jeden von uns anleiten, wie diese Aufgabe angegangen werden kann. Ich möchte hier fünf kleine Schritte nennen, die mir persönlich geholfen haben, meine Dankbarkeit für den Weckruf zu zeigen und wach zu bleiben.

Jede Dankbarkeit ist ein Ausdruck von Vertrauen. Jedes Misstrauen führt dazu, noch nicht einmal ein Geschenk als solches zu erkennen, wer könnte denn sicherstellen, dass es nicht ein Köder, ein Bestechungsversuch, eine Falle ist? Dankbarkeit hat den Mut zu vertrauen und überwindet so die Angst. Die Atmosphäre ist in diesen Tagen mit Furcht aufgeladen, mit einer Furcht, die von Politikern und den Medien genährt und manipuliert wurde. Hier liegt die größte Gefahr für uns: Furcht lässt Gewalt fortbestehen. Mobilisiere den Mut deines Herzens, wie es die wahrhaft Erwachten tun. Sage heute ein Wort, das einer ängstlichen Person Mut gibt.

Da Dankbarkeit Mut ausdrückt, verbreitet sie Ruhe. Diese Art von Ruhe ist durchaus mit tiefen Gefühlen vereinbar. In Wahrheit verrät die grassierende Massenhysterie eher Verwirrtheit als tiefes Fühlen, eher oberflächliche Betriebsamkeit als einen tiefen Strom von Mitgefühl. Schließe dich den wahrhaft Mitfühlenden an, die ruhig und stark sind. Aus der Stille im Zentrum deines Herzens wende dich nach außen. Halte heute ganz ruhig jemandes Hand und verbreite Ruhe.

Die fünf Schritte, die ich hier vorschlage, sind klein, aber wirkungsvoll. Dass sie klein sind, ist hilfreich: Jeder kann sie tun.

Wenn du dankbar bist, ist dein Herz offen - offen gegenüber anderen, offen für Überraschung. In den Tagen seit dem Weckruf haben wir bemerkenswerte Beispiele für diese Offenheit erlebt: Fremde helfen Fremden oft in heldenhafter Weise. Andere wenden sich jedoch ab, isolieren sich, trauen sich sogar weniger als sonst, einander anzublicken. Gewalt beginnt mit Abgetrenntheit. Brich dieses Muster auf. Knüpfe Kontakt, zumindest Augenkontakt, zu Menschen, die du normalerweise nicht beachtest: mit dem Angestellten am Schalter, mit dem Parkwächter, mit jemandem im Lift. Blicke heute einem Fremden in die Augen, und erkenne, dass es keine Fremden gibt.

Du kannst entweder Dankbarkeit oder Abneigung fühlen, aber nicht beides zur selben Zeit. Dankbarkeit vertreibt Abneigung; es gibt keinen Raum für beides im selben Herzen. Wenn du dankbar bist, weisst du, dass du zu einem Geflecht von Geben und Nehmen gehörst, und du bejahst diese Zugehörigkeit. Dieses Ja ist das Wesentliche der Liebe. Du brauchst keine Worte, um es auszudrücken; ein Lächeln genügt, um dein Ja wirksam werden zu lassen. Lass es für dich unwichtig sein, ob der andere zurücklächelt. Schenke heute jemandem ein unerwartetes Lächeln, und trage so deinen Teil zum Frieden auf Erden bei.

Was deine Dankbarkeit für dich bewirkt, ist genauso wichtig wie das, was sie für andere bewirkt. Dankbarkeit stärkt dein Zugehörigkeitsgefühl. Dein Zugehörigkeitsgefühl stärkt wiederum deinen gesunden Menschenverstand, den Common Sense. Dein Ja stimmt dich auf die allen Menschen gemeinsamen Interessen ein. Nach dem Weckruf macht nichts anderes Sinn als Common Sense. Wir haben nur einen einzigen Feind, unseren gemeinsamen Feind: Gewalt. Der gesunde Menschenverstand lehrt uns, dass wir Gewalt nur stoppen können, indem wir aufhören, gewalttätig zu handeln. Krieg ist kein Weg zum Frieden. Höre heute die Nachrichten und prüfe bei zumindest einer Meldung, was der gesunde Menschenverstand dazu sagt.

Die fünf Schritte, die ich hier vorschlage, sind klein, aber wirkungsvoll. Dass sie klein sind, ist hilfreich: Jeder kann sie tun. Stell dir ein Land vor, dessen Bürger - vielleicht sogar dessen Führungspersönlichkeiten - unerschrocken, ruhig und offen füreinander sind; ein Land, dessen Bewohner erkennen, dass alle Menschen als eine Familie zusammengehören und so auch handeln müssen; ein Land, das von Common Sense regiert wird. In dem Maß, wie wir uns nicht haerfüllt, sondern dankbar zeigen, wird diese Vorstellung wahr. Wer hätte vorhersehen können, dass in diesen dunklen Tagen die Dankbarkeit in solch neuem Glanz erstrahlen würde? Möge sie unseren Weg erhellen.



Aus "Der Tag, an dem die Türme fielen": Symbolik und Botschaft des Anschlags vom 11. September, erschienen im Verlag Droemer Weltbild, München, August 2002, ©Br. David (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Christine Stecher)

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