Br. David Steindl-Rast OSB

die krise in syrienCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Haben wir mit Schmerzen etwas gelernt, das nur mit Schmerzen gelernt werden kann?

Die Gefahr bei Wanderern, die sich im dichten Nebel verirrten, kann mit einem Schlag dramatisch reduziert werden. Sie haben keine Ahnung, welchen Weg sie gehen sollen. Aber wenn sie mit etwas Glück einen einheimischen Bergler treffen, der ganz sicher weiß, welcher Weg zu nehmen ist, vermindert sich ihr Risiko um 50%.

Die Krise in Syrien benebelt durch ihre Komplexität selbst Experten; keiner weiß, welcher Weg einzuschlagen ist und – die Ehrlichen unter ihnen geben dies sogar zu. Der gesunde Menschenverstand jedoch sagt erstaunlich vielen Menschen ganz klar, welcher Weg nicht zu gehen ist. Gesunder Menschenverstand sagt uns, dass gewalttätiges Handeln – in was für einer Form auch immer – kein Weg ist, Gewalt zu beenden. Immer mehr Menschen beginnen zu realisieren, dass Gewalt plus Gewalt mehr Gewalt ist. Wagen wir zu hoffen, dass die menschliche Spezies – in ihrer Adoleszenz bloß durch evolutionäre Normen – endlich erwachsen zu werden beginnt?

Die heutigen Europäer und Amerikaner stammen von den Überlebenden des Dreissigjährigen Krieges ab, der einen Drittel aller Männer, Frauen und Kinder in Mitteleuropa tötete – und dies vor weniger als vier Jahrhunderten. Auch dieser Krieg war ein „Religionskrieg“ – ein Ausdruck, den wir jetzt als ein Oxymoron (Widerspruch in sich) erkennen, vergleichbar mit „klar konfus“ oder „Militärische Intelligenz“. (Unsere Vorfahren wären von Katholiken wie Protestanten auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden, hätten sie so etwas gesagt.) Haben wir mit Schmerzen etwas gelernt, das nur mit Schmerzen gelernt werden kann?

Langsam könnten wir also lernen, dass Furcht herbeiführt, was sie am meisten fürchtet. Aus Furcht haben diejenigen, welche die Strukturen der Vereinten Nationen gestalteten, den Sicherheitsrat hinzugefügt, um wirklich sicher zu sein. Aber immer und immer wieder haben Spannungen innerhalb des Sicherheitsrates die Vereinten Nationen daran gehindert, nötige Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Vermutlich ist es zu früh zu hoffen, dass die Männer im Sicherheitsrat (Frauen gibt es da keine!) dies kapieren. Aber Menschen aller Nationen beginnen die Wahrheit von Franklin D. Roosevelts berühmter Aussage zu begreifen:

„Das Einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.“

Wenn die aktuelle Krise in Syrien für uns zu einer Gelegenheit wird, aufzuwachen für diese zwei Tatsachen – gewaltsame Einmischung mit Gewalt vergrößert Gewalt und Furcht führt herbei, was sie fürchtet – dann können wir wenigstens dafür dankbar sein: dass wir Einsichten gewonnen haben, die wir zum Überleben brauchen werden.



Niedergeschrieben von Br. David Steindl-Rast im September 2013,  ©BibliothekDSR
(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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