Br. David Steindl-Rast OSB

der moench in unsCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Der „Mönch in uns“ ist sehr nahe verwandt mit „dem Kind in uns“ oder - so du willst - mit dem „Mystiker in uns“. Und in uns allen steckt ein Mystiker. Wir erweisen Mystikern einen schlechten Dienst, wenn wir sie auf ein Podest stellen und sie als eine besondere Art von Mensch betrachten. In Wahrheit ist jeder Mensch eine besondere Art von Mystiker. Dies schafft eine gewaltige Herausforderung für jeden von uns: genau jener Mystiker zu werden, der wir zu sein gemeint sind. Dabei meine ich Mystik im strengsten Sinn als die Erfahrung von Einssein mit der letzten Wirklichkeit. Jeder von uns ist gerufen, diese Verbundenheit zu erfahren. Und es gibt niemand und gab nie jemand und wird nie jemand geben, der diese Erfahrung der letzten Wirklichkeit auf die gleiche Art machen kann wie du es erfahren kannst. Deshalb bist du gerufen, dieser besondere Mystiker zu sein, der nur du sein kannst.

Wenn ich nun also sage, dass dies etwas mit dem „Kind in uns“ zu tun hat, meine ich damit, dass im Kind eine Sehnsucht ist, einen Sinn zu finden, eine Offenheit für Sinn, die leicht verloren geht oder überschattet wird, weil wir in unsere Zweckorientiertheit vertieft sind. Ich muss gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass wenn ich diese zwei Ausdrücke brauche, Zweck und Sinn, ich auf keinen Fall Zweck gegen Sinn oder Sinn gegen Zweck ausspielen möchte. Wir sind jedoch in unserer Zeit und unserer Kultur so beschäftigt mit Zweck, dass man dies wirklich zurechtbiegen muss und die Dimension des Sinns mehr betonen muss, sonst werden wir einseitig. Wenn du in diesen Zeilen also eine außergewöhnliche Betonung auf Sinn vorfindest, geschieht dies nur, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Sicher gibt es im Kind eine riesige Neugier zu wissen, wie Dinge funktionieren und eine große Tendenz in Richtung Zweckorientiertheit, und dies ist die einzige Tendenz, welche wir gewöhnlich fördern. Die typische Situation, in welcher ein Kind heutzutage in der Öffentlichkeit gesehen wird, ist wie es von einem langen Arm weitergezerrt wird, währenddem diese Person sagt: „Komm endlich, lass uns gehen! Wir haben keine Zeit. Wir müssen heim (oder sonst wo hin). Steh’ nicht einfach da. Mach’ etwas.“ Das ist das Wichtigste. Aber andere Kulturen, viele Indianerstämme zum Beispiel, hatten ein ganz anderes Ideal von Erziehung: „Ein wohl erzogenes Kind sollte sitzen und schauen können, wenn es nichts zu sehen gibt“ und „ein wohl erzogenes Kind sollte sitzen und horchen können, wenn es nichts zu hören gibt“. Das unterscheidet sich sehr von unserer Einstellung, aber für Kinder passt es genau. Genau das wollen sie nämlich tun: einfach da stehen und schauen und total vertieft sein in was auch immer sie gerade anschauen oder hören oder schlecken oder lutschen oder womit sie herumspielen. Und wir zerstören diese Fähigkeit für Sinn offen zu sein in einem sehr jungen Alter. Indem wir sie dazu bringen, etwas zu tun und Dinge anzupacken, führen wir sie sehr direkt auf die Ebene des Zwecks.

Vielleicht sollte ich wenigstens ein Wort noch zu Zweck und Sinn sagen und die Art, wie ich diese beiden Begriffe gebrauche, doch will ich dir diese Definitionen nicht aufzwingen. Ich möchte dich lieber einladen, über eine Situation nachzudenken, in der du einen bestimmten Zweck ausführen musstest und dabei schauen, welches die innere Dynamik dabei war und dann dies mit einer Situation vergleichen, die für dich sinnvoll wurde. Wenn du einen bestimmten Zweck erfüllen musst, ist das Wichtigste dabei, dass du es anpacken musst. Wenn du nicht weißt, worum es geht, muss dir jemand „eine Leine zuwerfen“, damit du weißt, wie damit umzugehen. Du musst die Sache anpacken, dich damit befassen, die Situation in den Griff bekommen, die Dinge unter Kontrolle haben – andernfalls bist du nie ganz sicher, dass du den Zweck erfüllen wirst. All das ist sehr wichtig, um mit einer Situation umzugehen, in der ein bestimmter Zweck erfüllt werden muss.

Jetzt denk an eine Situation, in der etwas für dich sinnvoll wird. Was ist hier in den Griff zu bekommen? Was ist da unter Kontrolle zu halten? Darum geht es nicht. Du wirst herausfinden, wie du nun Ausdrücke verwendest, in denen du völlig passiv bist oder zumindest passiver. „Empfänglich“ ist eigentlich das Wort; du aber bist passiver als in einer Situation, in der du einen Zweck erfüllen musstest. Du wirst sagen „Es geschah etwas mit mir“. Jetzt bist du nicht mehr derjenige, welcher die Sache unter Kontrolle und im Griff hat und sie manipuliert. Stattdessen tut die Erfahrung dir etwas. „Es berührte mich wirklich“ oder stärker „es hat mich überwältigt“ oder „ich war völlig weg. So ist es, wenn etwas für dich sinnvoll wird. Was wirklich dabei geschieht, ist, dass man sich hingibt und in diesem Moment offenbart es, was immer es sein mag, dir seinen Sinn. Ich möchte noch einmal betonen, dass dies nicht ein Entweder-Oder-Standpunkt ist. Beides muss zusammenpassen, um Sinn in unseren zweckorientierten Tätigkeiten zu finden, müssen wir lernen uns zu öffnen, uns hinzugeben an das, was wir gerade tun. Und das ist typisch für die Haltung, welche ein Kind einnimmt.

Einmal auf dem Gipfel angekommen erhältst du Einsicht in Sinn: da gibt es einen Augenblick, in dem Sinn dich wahrhaftig berührt.

Lass mich nun weitergehen zu einer sehr wichtigen Art von Erfahrung, die Abraham Maslow unter dem Titel „Gipfelerlebnis“ untersucht hat, diese Augenblicke, in denen sich Sinn uns offenbart und – wir wissen es. Um mehr darüber sagen zu können, ist es wiederum notwendig, dass ich nicht über etwas spreche, was nicht mit deinen eigenen Erfahrungen verbunden ist, vor allem weil das Gipfelerlebnis in seiner Substanz, in seinem Inhalt so sehr vage ist. Um über all dies sprechen zu können, müssten wir entweder ein Lyrik- oder Musikseminar abhalten oder etwas ähnliches. Wenn wir darüber diskutieren wollen, können wir nur über strukturelle Aspekte sprechen und müssen es jedem selbst überlassen, einen eigenen Zusammenhang herzustellen. Für diejenigen, welche mit diesem Begriff nicht sehr vertraut sind oder eine kleine Auffrischung für ihre Erinnerung brauchen: denke einfach an ein Erlebnis, von dem du in der Erinnerung an diesen Augenblick sagen kannst: das macht das Leben lebenswert. Oder denke an den Begriff „Gipfelerlebnis“, ein sehr treffend ausgewählter Begriff, welcher andeutet, dass er sich irgendwie über unsere gewöhnliche Erfahrung erhebt. Es ist ein Augenblick, in dem du irgendwie „high“ oder auf jeden Fall erhobener als in anderen Augenblicken bist. Dabei handelt es sich um einen Augenblick, obwohl er vielleicht einige Zeit gedauert hat. Selbst dann, sagen wir eine Stunde oder so, erscheint diese lange Zeit wie ein Augenblick. Er wird immer als ein Punkt in der Zeit erfahren, genauso wie der Berggipfel immer auch ein Punkt ist.

Nun mag dies ein hoher oder ein niedriger Gipfel sein, das Entscheidende ist, dass es um einen Gipfel geht.

So betrachtest du deinen Tag oder dein Leben oder irgendeinen Zeitabschnitt und du siehst diese Gipfel herausragen und sie sind Hinweise auf eine höhere Erfahrung, der Erfahrung einer Schau, einer Erkenntnis, wenn du willst. Auch das ist für die Vorstellung des Gipfels wichtig. Wenn du zuoberst auf dem Gipfel bist, hast du eine bessere Sicht. Du kannst rundum schauen. Solange du noch hinaufsteigst, ist ein Teil der Sicht, ein Teil des Horizonts durch den Gipfel verdeckt. Aber einmal auf dem Gipfel angekommen, erhältst du eine Einsicht in Sinn: da gibt es einen Augenblick, in dem Sinn dich wirklich berührt. Das ist die Art von Einsicht, über die wir eben jetzt sprechen. Es geht nicht darum, eine Lösung für ein konkretes Bündel von Problemen zu finden; es ist ganz einfach ein Augenblick von grenzenloser Erkenntnis. Du setzest deiner Erkenntnis keine Grenzen.

Versuch nun an einen Augenblick dieser Art zu denken, sehr konkret, sehr genau. Gemeinplätze helfen uns hier nicht. Es muss kein riesiger Gipfel sein – die sind in unserem Leben sehr selten. Auch ein Ameisenhaufen ist ein Gipfel; also alles, was einen Gipfel hat, dient unseren Absichten. Also versuche es einfach und erinnere dich sehr konkret an eine Erfahrung, während der dich etwas tief berührte, eine Erfahrung, in der du irgendwie über den normalen Zustand erhoben warst. Ich werde jetzt eine kleine Pause machen, damit ich auch an eine Erfahrung denken kann, und dann werden wir ein wenig in die Struktur dieser Erfahrungen hineinschauen. Und, wenn diese Erfahrungen das sind, als was sie mir erscheinen, nämlich der Inbegriff der mystischen Erfahrung, dann können selbst in unseren kleinen Erfahrungen vom Typ Ameisenhügelgipfel die typischen Strukturen von monastischem Leben gefunden werden wie ich noch zeigen werde. Bitte versuch es nun und konzentriere dich auf dieses eine Gipfelerlebnis.

Es ist ein Paradox, dass wenn ich am wahrhaftigsten allein bin, ich mit allem eins bin.

Ich sagte bereits, dass der Inhalt dieser Erfahrungen sehr vage ist. Vielleicht sagst du sogar „Uff – es ist nichts wirklich geschehen“. Gut, das ist eine tiefe Erkenntnis, denn wenn du zulässt, dass nichts wirklich geschieht, ist das die großartigste mystische Erfahrung. Wenn du darüber sprichst, wirst du geneigt sein, Ausdrücke zu verwenden wie „Oh, ich verlor mich einfach. Ich verlor mich, als ich diese Musikstelle hörte“ oder „Ich verlor mich als ich diesem Wasserläufer zuschaute wie er den Wellen nachrannte und sobald die Wellen kamen, rannte er zurück und dann rannte er ihnen wieder nach“. Du verlierst dich in einer solchen Erfahrung, und nachdem du dich eine Weile verlierst, bist du gar nicht mehr sicher, ob die Wellen dem Wasserläufer nachjagen oder der Wasserläufer den Wellen oder ob überhaupt jemand jemandem nachjagt. Aber etwas ist da geschehen und du hast dich ganz darin verloren.

Und dann findest du seltsam und paradox – und genau darauf zielen wir ab: wir versuchen die Paradoxe zu finden, welche notwendigerweise in jeder mystischen Erfahrung sein müssen –, dass du auch sagen würdest, dass während dieser Erfahrung, in welcher du dich verloren hast, du für einmal wirklich du selbst warst. „Das war ein Moment, wo ich wirklich mich selbst war, viel mehr als sonst. Ich war richtig abgehoben“. Das ist ein poetischer Ausdruck. Es gibt gewisse Dinge im Leben, die auf keine andere Art ausgedrückt werden können als durch poetische Ausdrücke, so kommen diese Ausdrücke auch in unsere Alltagssprache. Aber dann findest du wieder das Paradox, weil du über dieselbe Erfahrung, von der du sagst „ich wurde abgehoben“ auch sagst „ich war viel gegenwärtiger als ich es je sonst war“. Wie die meisten von uns, müsste ich die meiste Zeit sagen, dass ich nicht voll gegenwärtig bin, da wo ich bin. Stattdessen bin ich 49 Prozent mir selbst voraus, mich regelrecht nach dem ausstreckend, was kommen wird, und 49 Prozent bin ich hinter mir, mich an das anklammernd, was schon vorbei ist. Es bleibt kaum etwas von mir übrig, um wirklich gegenwärtig zu sein. Dann taucht etwas auf, das praktisch nichts ist, wie dieser kleine Wasserläufer oder der Regen, der auf das Dach trommelt, wo ich völlig weg bin und für eine Hundertstelsekunde bin ich wahrhaftig gegenwärtig, wo ich bin. Ich bin weg und gegenwärtig, wo ich bin. Ich verlor mich und fand mich, wahrhaftig mich selbst.

Ich fahre mit einem anderen Paradox weiter. Ich nehme an, dass viele ein Gipfelerlebnis auswählen, bei dem man allein ist - einen Augenblick allein im Zimmer oder am Strand oder im Wald oder vielleicht auf einem Berggipfel. Und du fandest, dass obwohl du allein warst – und paradoxerweise nicht so sehr trotz des Alleinseins, sondern gerade weil du in diesem Augenblick so allein warst, warst du mit allem und allen verbunden. Falls keine anderen Menschen da waren, mit denen du dich hättest verbunden fühlen können, fühltest du dich mit den Bäumen verbunden, so es welche gab, oder mit dem Gestein oder den Wolken oder dem Wasser oder den Sternen oder dem Wind oder was auch immer. Es fühlte sich an, als ob dein Herz sich ausweiten würde, als ob dein Wesen sich ausdehnen würde, um alles zu umarmen, als ob auf eine Art die Schranken zerbrochen oder aufgelöst wären und du bist verbunden, eins mit allem. Rückblickend kannst du dies überprüfen, indem du keinen deiner Freunde auf dem Höhepunkt deines Gipfelerlebnisses vermisst hast. Einen Augenblick später sagst du vielleicht „Mensch, ich wünschte, dass Soundso hier sein könnte und diesen wunderbaren Sonnenuntergang erleben oder sehen könnte oder diese Musik hören könnte. Aber auf dem Höhepunkt deines Gipfelerlebnisses hast du niemanden vermisst, und der Grund ist nicht, dass du sie vergessen hast, aber dass sie dort waren, wo du warst oder du warst, wo sie waren. Weil du mit allen eins warst, gab es keinen Grund jemanden zu vermissen. Du hast, so du willst, jene Mitte erreicht, von der die religiöse Überlieferung manchmal spricht, in der jeder und alles in einen Punkt zusammenläuft.

Ja, dies ist ein Paradox, dass wenn ich am wahrhaftigsten allein bin, bin ich eins mit allem. Du kannst dies auch umkehren. Es gibt auch Erfahrungen, in denen ein Teil des Gipfelerlebnisses genau das war, dass man sich in einer riesigen Gruppe von Menschen eins fühlte mit allen. Vielleicht war es eine liturgische Feier, vielleicht ein Friedensmarsch oder eine Demonstration, ein Konzert, ein Theaterstück – irgendeine Versammlung, bei der es Teil des Vergnügens war zu fühlen, dass alle hier ein Herz und eine Seele waren und alle dasselbe erlebten. Übrigens, objektiv muss dies überhaupt nicht wahr sein. Vielleicht warst du der Einzige, der dies so gut fand, aber du hast es so erlebt, als ob es alle auf die gleiche Art erlebt hätten. Aber selbst in dieser Situation drehen wir das Paradox um: Wenn du am meisten eins mit allem bist, dann bist du wahrhaftig allein. Du bist ausgesucht, wie wenn ein bestimmtes Wort des Sprechers (bei einem Vortrag, der dich berührt) an dich persönlich gerichtet wurde - und beinahe errötest du dabei. „Weshalb spricht er über mich? Weshalb hat er mich ausgesucht? Oder: Diese spezielle Passage in dieser einen Symphonie wurde für mich geschrieben und für mich aufgeführt. Diese gewaltige, großartige Aufführung, und dies ist alles für mich, jetzt und hier. Du bist ausgesucht; du bist vollkommen allein. Und wir werden gleich sehen, dass dies kein Widerspruch ist. Wenn du wirklich allein bist, bist du eins mit allem. Selbst das Wort „allein“ spielt irgendwie darauf an. Es mag nur eine Eselsbrücke sein sich daran zu erinnern, aber vielleicht ist mehr dahinter - all-eins, eins mit allem, wahrhaftig allein.

Ich möchte noch ein drittes Paradox aufzeigen, welches in mancher Hinsicht das wichtigste ist. Prüfe wiederum, ob es mit deinen Erfahrungen übereinstimmt. Wenn das Gipfelerlebnis dich ergreift oder erhebt oder was immer es dir auch tut, dann macht in einer blitzartigen Einsicht alles Sinn. Dies ist nun aber eine ganz andere Sache als mühsam die Antwort auf ein Problem zu finden, was der übliche Weg ist wie wir denken, damit schließlich alles vielleicht Sinn machen könnte. Wir denken, dass wir die Antwort auf dieses Problem bekommen werden, aber in dem Augenblick, wo wir sie haben, tauchen verschiedene andere Probleme auf. Also gut, denken wir, verfolgen wir dieses Problem weiter bis zu seinem Ende; wir glauben, wir könnten uns weiterangeln von Frage zu Antwort, von neu entstehenden Fragen zur nächsten Antwort und zur nächsten Antwort und dann endlich würden wir bei einer letzten Antwort ankommen. Aber was schließlich geschieht ist, dass diese Kette ein Kreis ist und wir im Kreis herumgehen noch und noch; die letzte Antwort ruft die erste Frage hervor und so geht es immer weiter.

In deinem Gipfelerlebnis wirst du dir irgendwie unbewusst der Tatsache gewahr, dass du um die Antwort zu finden, die Frage fallen lassen musst. Etwas wirft dich um, in Sekundenschnelle lässt du die Frage fallen und in dem Augenblick, wo du die Frage loslässt, ist die Antwort da. Du bekommst den Eindruck, dass die Antwort vielleicht die ganze Zeit versuchte zu dir durchzukommen, und der einzige Grund, weshalb sie nicht durchkommen konnte ist der, dass du so beschäftigt warst Fragen zu stellen. Warum sollte dies so sein? Warum sollte dies in unserem Gipfelerlebnis geschehen? Es scheint hier ein absurdes Ungleichgewicht zwischen Ursache und Wirkung zu geben. Ich möchte nichts anderes als einem Wasserläufer zuschauen, wie er den Wellen nachrennt und vor ihnen davonrennt; ich machte nichts weiter, als wach zu liegen und dem Regen zuzuhören, der aufs Dach trommelt – weshalb sollte plötzlich alles Sinn machen?

Es gibt noch einen anderen Weg wie man versuchen kann, sich dem zu nähern. Wenn du es wirklich versuchst und diese Erfahrung überprüfst, sagst du vielleicht, dass etwas in dir dich reizt, Ja zu sagen. Du siehst den Wasserläufer und etwas in dir sagt aus ganzem Herzen Ja. Oder du hörst den Regen und dein ganzes Wesen sagt Ja dazu. Es ist eine spezielle Art von Ja; es ist ein bedingungsloses Ja. Und in diesem Augenblick, wo du ein bedingungsloses Ja zu jedem Teil der Wirklichkeit gesagt hast, hast du bedingungslos Ja gesagt zu allem, nicht Ja zu jeder spezifischen Sache, aber ein Ja zu allem, was du sonst in Gut und Schlecht, in Schwarz und Weiß, in Oben und Unten einteilst. Du unterscheidest nicht. Du sagst einfach Ja, und plötzlich fügt sich das

Ganze zu einem Muster zusammen und du hast zum ganzen Muster Ja gesagt.

Wenn dies dir irgendwie wahr vorkommt, wenn da irgendeine Antwort in deinem Herzen ist, die sagt „Ja, das trifft auf meine eigene Erfahrung zu“, dann genügt dies um zu zeigen, dass jeder von uns in sehr wichtigen Augenblicken in seinem Leben erfahren hat, was in einem monastischen Leben vorgeht. Das ist sehr wichtig für uns, denn wenn es da keine Verbindung gibt zwischen mir – wer immer ich sein mag – und dem monastischen Leben, dann ist das Ganze nicht besonders interessant. Aber wenn ich sehe und es zu schätzen weiß, dass einige der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens genau dem Kern des monastischen Lebens entsprechen, versetzt mich dies in eine ganz andere Lage. Und genau dies meine ich, wenn ich über den Mönch in uns spreche.

Du verlierst dich und du findest dich wieder – jetzt erst so richtig.

Jetzt möchte ich einfach ein paar Bemerkungen zum monastischen Leben machen. Zuallererst: monastisches Leben ist eine besondere Lebensform. Das Kloster ist ein besonderer Ort mit einem besonderen Umfeld. Man könnte es ein professionelles Umfeld nennen, ein geregeltes Umfeld, ein Laboratorium, ein Workshop. Es ist ein Ort, an dem alles darauf ausgerichtet ist, diese kontemplative Seite, übe die wir sprachen, zu pflegen, diese mystische Haltung zu pflegen, diese Offenheit für Sinn, die wir in unseren Gipfelerlebnissen erfahren.

So sind wir alle in einem gewissen Sinn unser ganzes Leben lang Amateure des monastischen Lebens. Der einzige Unterschied zwischen dir und den Mönchen ist der, dass die Mönche Profis sind. Aber wir wissen, dass gerade in unserer Zeit Profis sehr oft weniger gut sind, in dem was sie tun als Amateure. Deshalb: je mehr Menschen entdecken wie wichtig der Mönch in ihnen ist und je mehr sie entdecken, wie wichtig Offenheit für Sinn ist, umso wichtiger wird es, dass jeder, Amateur oder Profi, gelegentlich Zugang hat zu diesem geregelten Umfeld, in dem er die monastische oder kontemplative Dimension seines Lebens pflegen kann.

Jetzt werde ich ganz kurz noch einmal diese drei Paradoxe herausnehmen und zeigen, wie sie wirklich das sind, was im monastischen oder im religiösen Leben als professionell religiöses Leben vorgeht.

Wenn jemand das Paradox erfahren hat, dass wir uns finden, wenn wir uns verlieren, dann hat dieser Mensch einen inneren Zugang zum innersten Kern dessen, was ein Leben in Armut bedeutet. Ein Leben in Armut hat nur ein Ziel, nämlich sich selbst zu verlieren und dadurch zu finden. Alles andere, was mit einem Leben in Armut in den unterschiedlichen monastischen Traditionen zu tun hat, alles, was du vielleicht über das Phänomen der Armut denkst (Mönche haben kein Geld oder sie haben alles Geld gemeinsam oder sie haben viel mehr Geld als alle anderen oder sie müssen um Erlaubnis fragen, wenn sie den Wagen brauchen wollen oder sie dürfen nur einen bestimmten Geldbetrag bei sich haben oder sie dürfen kein Geld anfassen und müssen dies deshalb durch andere erledigen lassen ) ist streng mönchisches Bestreben, um diese Samen zu kultivieren.

Wir wollen nicht den Fehler machen zu sagen „ich verlor mich, um mich zu finden“. So wird das Ganze zu einer Sache des Zwecks, und das ist es wirklich nicht. Ich verliere mich und ich entdecke, dass ich mich wieder gefunden habe. Und nun verbringe ich mein Leben damit, diese Samen zu pflegen. Zwischen den Samen und der Ernte liegt dieses streng mönchische Bestreben in seinen vielen, vielen verschiedenen Formen entsprechend den verschiedenen monastischen Traditionen. Und die Ernte ist nichts anderes, als was der Samen war, denn du erntest nie etwas anderes als was du gesät hast; das heißt, du verlierst dich und du findest dich wieder - jetzt erst so richtig. Das ist alles.

Wenn du das zweite Paradox nimmst, dass ich eins mit allem bin, wenn ich wahrhaftig allein bin, und wenn ich wirklich eins mit allem bin, bin ich allein, dann hast du den Samen des zölibatären Lebens. Nochmals: was zwischen dem Samen und der Ernte liegt, ist streng mönchisches Bestreben, das viele, viele verschiedene Formen annehmen kann. Es bedeutet einzig, diese Samen so zu pflegen, dass du am Ende genau das hast, nämlich eins mit allem zu sein und allein. Man könnte als Beispiel auch das Eheleben nehmen (aber ich meine, dies sollte nicht ausgerechnet ein Mönch tun), dies ist ein weiterer Weg zum selben Ziel, nämlich eins mit allem und wahrhaft allein zu sein. Es bedeutet, dass du eins bist mit dir, dass du nicht nur die Hälfte eines Paares bist, aber dass du wahrhaft allein und so eins mit allem bist, nicht nur mit deinem Partner, sondern eins mit allem. Die Ehe ist kein „Zweier-Egoismus“.

Und jetzt das dritte Paradox, welches im Gehorsam wurzelt. Das Erste, woran wir dabei denken ist, dass wir tun, was uns ein anderer zu tun aufgetragen hat. Das ist ein althergebrachtes und hilfreiches, sehr mönchisches Mittel, aber darin stecken zu bleiben, wäre total falsch und total unfruchtbar. Wenn es nur darum geht, meinen Eigensinn durch denjenigen von jemand anderem zu ersetzen, würde ich lieber meinen eigenen behalten. Die Idee als Ganzes ist aber, über den Eigensinn hinweg zu kommen, weil der Eigensinn das Einzige ist, das sich zwischen uns und das Horchen stellt. All unser Fragen, all unser hektisches Suchen nach Lösungen, ist einfach ein Ausdruck unseres kleinen Eigensinns gegenüber dem Absoluten. In dem Augenblick, wo ich dies fallen lasse, aufgebe, kommt das Ganze zu mir durch und gibt sich mir. Wenn ich mich ihm hingebe, will ich es gar nicht unbedingt ergreifen oder packen oder festhalten.

Gehorsam heißt wörtlich „aufmerksames Horchen“; es kommt vom lateinischen „ob-audire“, aufmerksam horchen, oder wie es in der jüdischen Tradition heißt „sein Ohr entblößen“: Die Schläfenlocken müssen zurückgestrichen sein, um wirklich aufmerksam hören zu können. Das bedeutet Gehorsam im Alten Testament. In vielen Formen, in vielen Sprachen ist das Wort für Gehorsam eine intensive Form des Wortes horchen, gehorchen, audire, ob-audire etc..

Anders ausgedrückt kann Gehorsam - „tun-was-einem-gesagt-wird“ - ein streng mönchisches Mittel sein, diesen Eigensinn zu überwinden, diese eigenen Ideen und eigenen kleinen Pläne. Dies ist eine Möglichkeit, all dies loszulassen und das Ganze anzuschauen und das Ganze zu lobpreisen wie Augustinus sagt. Aber das Entscheidende ist, das Horchen zu lernen. Dabei kann es ein Hindernis sein, oft „den Willen eines andern zu tun“; dadurch wird man nur eine an Fäden gezogene Marionette. Im Hinblick auf Sinnfindung ist der Zusammenhang, in welchem wir die mystische Erfahrung sehen, sehr wichtig.

Wenn du etwas sinnlos findest sagst du, es sei „absurd“. Aber wenn du „absurd“ sagst, hast du dich verraten, denn der Ausdruck „absurdus“ ist das genaue Gegenteil von „ob-audiens“.

„Absurdus“ bedeutet „absolut taub“. Wenn du also sagst, dass etwas absurd ist, sagst du schlechthin „ich bin absolut taub für das, was mir dadurch gesagt werden will. Das Absolute spricht zu mir und ich bin völlig taub.“ Dabei ist hier gar nichts taub; Taubheit lässt sich nicht auf die Quelle des Klangs zurückführen. Du bist taub. Du kannst nicht hören. Die einzige Alternative zu dem, was alle von uns in irgendeiner Lebensform haben, ist deshalb eine taube Haltung durch eine aufmerksam Horchende zu ersetzen. Um dabei ein wenig weiter zu kommen, braucht es ein ganzes Leben.

Wenn wir aus ganzem Herzen leben, fliesst Sinn in unser Leben.

Alles läuft darauf hinaus, dass Leben viel mehr ist, als was es erscheint. Da gibt es eine ganze Lebensdimension, auf die wir aus ganzem Herzen horchen müssen, achtsam wie wir sagen. Achtsamkeit ist notwendig, um Sinn zu finden. Und der Verstand ist nicht der ganze Geist. Der Verstand, dies muss eiligst gesagt sein, ist ein sehr wichtiger Teil unseres Geistes, aber er ist nicht der ganze Geist. Was ich damit meine, wenn ich „Geist“ sage, ist mehr als was die Bibel und viele religiöse Traditionen das „Herz“ nennen. Das Herz ist nicht nur der Sitz unserer Gefühle, es ist der ganze Mensch. Das Herz, von dem wir hier sprechen, ist das Herz, von dem der Liebende sagt „ich schenke dir mein Herz“. Das heißt nicht, dass er wirklich einen Teil seines Herzens gibt. Es heißt, dass er sich hingibt. Wenn wir also darüber sprechen, das Leben aus ganzem Herzen anzugehen, mit Achtsamkeit, ist das die einzige Haltung, durch die wir uns dem Sinn hingeben.

Dafür gibt es einen gute Fachausdruck, der vor allem in der katholischen Tradition verwendet wird: Andacht, innere Sammlung, andächtig sein, andächtig leben. Es bedeutet dasselbe wie Achtsamkeit, leben aus ganzem Herzen, Offenheit für Sinn. Innere Sammlung ist „Konzentration, die nichts ausgrenzt“ (ein Ausdruck von T. S. Eliot), ein Paradox, weil Konzentration normalerweise einschränkt. Aber wenn dir „Konzentration ohne Ausgrenzung“ gelingt, wenn du es verbinden kannst, dich gleichzeitig auf etwas zu konzentrieren und gleichzeitig ganz offen zu sein, horizontlos, dann hast du erreicht, was Andacht meint. Dann hast du erreicht, wonach das ganze monastische Leben in all seinen verschiedenen Traditionen strebt, andächtig zu leben, sinnvoll zu leben, bewusst zu leben.

Als H. D. Thoreau nach Walden Pond ging, sagte er “ich zog in den Wald, um bewusst zu leben”. Das bedeutet andächtig, gesammelt. Es gibt viele Formen von Mönchstum, welche nicht als solche erkannt werden oder katalogisiert sind. Und vielleicht sind diese viel wichtiger als die anderen. Das Entscheidende, woran du monastisches Leben erkennen kannst, ist andächtiges Leben, sinnvolles Leben, Leben aus ganzem Herzen. Wenn wir aus ganzem Herzen leben, fliesst Sinn in unser Leben. Das bedeutet, dass auch währenddem wir durch Zweck beansprucht sind, wir offen genug bleiben, damit Sinn in unser Leben fliessen kann. Wir bleiben nicht im Zweck stecken.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir sehen, wie Arbeit in einer sehr beschränkten Hinsicht mit Zweck zusammenhängt. Arbeit ist diese besondere Art von Aktivität, die auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet ist und wenn dieser erreicht ist, hört die Arbeit als Arbeit auf. Dem gegenüber steht das Spiel. Spiel ist nicht auf einen bestimmten Zweck ausgerichtet. Im Spiel ist Sinn; Spiel ist das Aufblühen von Sinn. Du arbeitest, bis du einen Zweck erfüllt hast. Du wischst den Boden, bis dieser gewischt ist. Aber du singst nicht, nur damit ein Lied gesungen ist. Du singst, um zu singen. Und du tanzest auch nicht, um irgendwo hinzugelangen, worauf Alan Watts hingewiesen hat, du tanzest, um zu tanzen. Der ganze Sinn liegt im Sinn selbst.

Gewöhnlich denken wir, dass das Gegenteil von Arbeit Musse ist. Musse ist nicht das Gegenteil von Arbeit. Spiel ist das Gegenteil von Arbeit, wenn du einen Gegensatz haben willst. Und genau die Musse überbrückt die Lücke zwischen Arbeit und Spiel. Musse ist, seine Arbeit in der Haltung des Spielens zu tun. Das bedeutet, dass du in die Arbeit das hineinlegst, was beim Spielen am wichtigsten ist, nämlich, dass du sie um ihrer selbst willen machst und nicht nur, um einen bestimmten Zweck zu erfüllen. Und das bedeutet, dass du ihr Zeit geben musst. Musse ist kein Privileg für solche, die sich Zeit für Musse nehmen können. Musse ist eine Tugend. Es ist die Tugend derjenigen, die sich Zeit nehmen für das, was Zeit braucht und dem so viel Zeit geben wie benötigt wird und dadurch gelassen arbeiten, Sinn finden in ihrer Arbeit und ganz lebendig werden. Wenn wir eine reine Arbeitsmentalität haben, sind wir nur halb lebendig. Wir sind wie Leute, die nur einatmen und dabei ersticken. Dabei macht es wirklich keinen Unterschied, ob du nur einatmest oder nur ausatmest, auf beide Arten wirst du ersticken. Das ist ein sehr guter Hinweis darauf, dass wir Arbeit nicht gegen Spiel ausspielen und Zweck nicht gegen Sinn. Beides muss zusammenkommen. Wir müssen einatmen und ausatmen, so bleiben wir am Leben. Das ist es, was wir alle suchen und worüber die ganze Religion sein muss – Lebendigkeit.

Glaube ist letztlich mutiges Vertrauen ins Leben.

Nun stellt sich die große Frage, weshalb wir nicht lebendiger sind. Die Antwort dazu ist ein einziges Wort: Angst. An der Wurzel von allem, was Leben verfälscht oder vernichtet, ist die Angst. Warum haben wir Angst zu leben? Weil leben bedeutet uns hinzugeben, und wenn wir uns wirklich hingeben, wissen wir nie, was mit uns geschehen wird.

Solange wir alles schön unter Kontrolle haben, alles geregelt, alles in der Hand haben, gibt es keine Gefahr, aber auch kein Leben. Eine Welt, in der wir alles unter Kontrolle halten könnten, wäre so fad, dass wir sterben würden. Wir würden vor Langeweile sterben. Im Kleinen erfahren wir dies jeden Tag. Wir werden verängstigt und halten die Sache unter Kontrolle, aber sobald wir sie unter Kontrolle haben, sind wir gelangweilt. Denk an zwischenmenschliche Beziehungen: „Ich habe sie durchschaut; ich weiß, wie ich mit ihm/ihr fertig werde“. Bis zu einem bestimmten Punkt geht das; es gibt einem ein Gefühl der Sicherheit. Aber dann kommt der Punkt, wo es total langweilig wird, also sagen wir „lasst uns ein kleines Abenteuer erleben“. Im Moment, wo wir ein Abenteuer erleben, sind wir in Gefahr, gehen ein Risiko ein. Ein Abenteuer können wir nicht ohne Risiko haben und so öffnen wir uns ein bisschen. Wir lockern unseren Griff ein bisschen und in diesem Augenblick wird es sehr interessant und abenteuerlich, aber auch beängstigend. Als nächstes sperren wir uns gleich wieder ab, versuchen gleich wieder, alles unter Kontrolle zu bekommen. So gehen wir vorwärts und rückwärts, rückwärts und vorwärts, unser ganzes Leben zwischen diesen beiden Polen, und darum geht es wirklich im spirituellen Leben. Davon handelt Religion: von der Angst uns zu verlieren und, was diese Angst überwältigt. Was Angst überwältigt, ist Mut. Mut ist unser heutiger Ausdruck für das, was in der traditionellen Religion mit all ihren verschiedenen Zweigen Glaube genannt wird. Lasst uns aber diesen Begriff Glaube nicht mehr als absolut notwendig gebrauchen, denn es wirft uns um. Wir haben falsche Vorstellungen von Glauben; wir meinen, Glaube heißt, etwas glauben. Das heißt es schon. Wenn wir jemandem wirklich vertrauen, wenn wir Vertrauen haben in einen Freund, dann beinhaltet das auch, dass wir gewisse Dinge über ihn glauben. Aber das ist zweitrangig und wenn wir darin stecken bleiben, werden wir nie zur Wurzel des Glaubens gelangen. Glauben heißt nicht, einigen Dogmas oder Glaubensartikeln oder etwas Ähnlichem beizupflichten. Letztlich ist Glaube mutiges Vertrauen ins Leben. Die besondere Form, welche unser religiöser Glaube annimmt, hängt ganz ab von der Zeit, vom Ort, den sozialen Strukturen und kulturellen Formen, in die wir hineingeboren wurden, und davon gibt es eine unzählige Vielfalt. Aber die Grundlage unseres Glaubens ist dieselbe in allen Zeiten und an allen Orten: mutiges Vertrauen ins Leben.

Glaube versus Angst – das ist das Schlüsselthema der Religion. Das ist auch der Schlüssel zu unserer Haltung gegenüber Wahrheit. Wir wissen, dass Religion etwas mit Wahrheit zu tun hat, aber die Wahrheit können wir nicht packen, ergreifen und mit nach Hause nehmen. Wenn wir gewisse Wahrheiten ergreifen und daran krampfhaft festhalten, werden wir als nächstes mit jedem zusammenstoßen, der sich nicht an diese Wahrheiten hält. Letzten Endes hat jeder eine andere Wahrheit; es gibt so viele verschiedene Wahrheiten wie es Menschen gibt. Wenn wir also darauf beharren, dass Wahrheit etwas ist, das wir festhalten müssen, dann sind wir mit dem Rest der Welt uneins. Aber die wirkliche Wahrheit, welche wir suchen, ist etwas, das uns hält. Es hält uns, wenn wir uns in diesen Augenblicken, wo wir uns ganz öffnen, hingeben. Da gibt es nur eine Wahrheit und diese ergreift jeden Menschen auf seine persönliche Weise. Es muss unendlich verschiedene Wege geben wie die Wahrheit uns alle ergreift, weil in dieser Vielfalt die Einheit der Wahrheit hervorblüht. Und dies ist wunderbar und wir müssen dies zur Geltung bringen und müssen es feiern. Genau das ist Leben und das ist religiöses Leben, aber es bedeutet, uns der Wahrheit hinzugeben, nicht sie zu packen und festzuhalten. Nur die Wahrheit, der wir uns hingeben, wird uns befreien. Die einzige Wahrheit, welche für uns alle gilt ist die, dass wir den Mut haben müssen, uns der Wahrheit hinzugeben. Angst hält fest, Angst klammert sich immer an etwas. In dem Augenblick, wo wir uns ängstigen, greifen wir nach etwas mit dem Reflex eines Äffchens, das sich an seine Mutter klammert. Dies ist genetisch tief in uns verankert: Angst bringt uns dazu, an etwas festzuhalten. Glaube ist Loslassen. Sogar in religiösen Traditionen, welche den Ausdruck Glauben vielleicht nicht benützen, finden wir diese Grundlage, nämlich: das Loslassen.



Aus „The Monk in Us“ ©Br. David (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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