Br. David Steindl-Rast OSB

dankbarkeit ist kein gefuehlCopyright © - Klaudia Menzi

Das Leben beschert mir schwierige Zeiten. Soeben wurde ich aus meinem Job entlassen, eines meiner Kinder hat Schwierigkeiten in der Schule und mein Vater ist sehr krank und braucht Hilfe. Ich weiß, ich sollte Dankbarkeit empfinden für alles, was wir haben – ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Unterstützung durch Freunde und Familie – aber was ich wirklich spüre, ist Sorge, Angst und Müdigkeit. Was soll ich tun, dass ich selbst in Zeiten, die mich physisch, emotional und spirituell herausfordern, Dankbarkeit empfinden kann?

Um solche Fragen beantworten zu können, muss ich mir Zeit lassen. Der Grund dafür ist mein Respekt davor, was Sie eben durchmachen, Respekt vor Ihnen. In Ihrer Situation muss fast jede Antwort hohl klingen. Was ich tun kann, ist warten und mich in Ihre Sorgen, Angst und Müdigkeit einfühlen, so voll und schmerzhaft ich kann, bevor ich zu antworten versuche.

Wenn ich mich frage, ob ich mich dankbar fühlen würde, wenn ich gerade aus meinem Job entlassen worden wäre – unabhängig von Ihren weiteren Herausforderungen – würde meine Antwort nein lauten. Wie könnte sich irgendjemand in Ihrer Lage dankbar fühlen? Aber – Dankbarkeit ist kein Gefühl: Dankbarkeit ist eine Haltung. Selbst wenn wir dem Leben gegenüber eine dankbare Haltung haben, können wir uns dankbar fühlen oder nicht. Ein „sollte“ passt hier nicht. Unsere Gefühle sind nicht unter unserer Kontrolle, nur unsere Haltung ist es.

Bei all dem, was jetzt gerade auf Ihnen lastet, ist dies nicht die beste Zeit, um feine Unterschiede zwischen Haltung und Gefühlen zu machen. Trotzdem möchten Sie dies vielleicht durchdenken. Zumindest wird es Sie einen Augenblick von Ihren Problemen ablenken und – vielleicht noch mehr.

Wie ist Dankbarkeit in jenen Zeiten, wo Ihre Gefühle mit Ihrer Haltung übereinstimmen? Sie spüren ein Vertrauen ins Leben, das Angst überwindet. Dieses Vertrauen macht Ihr Herz weit offen und frei, das genaue Gegenteil dieser ängstlichen Gefühle, die sie verstummen lassen, Gefühle, die Ihre Brust zusammendrücken, bis Sie kaum mehr atmen können. Wenn dankbar sein und dankbar fühlen in Harmonie zueinander sind, braucht es viel, bis Sie sich müde fühlen. Ihr mutiges Vertrauen belebt Ihren Körper, Ihren Verstand und Geist.

Also: dieses tiefe Vertrauen ins Leben ist kein Gefühl, sondern eine Haltung, die Sie bewusst einnehmen. Es ist die Haltung, welche wir Mut nennen. Und Mut ist vereinbar mit Angst haben. Genau genommen setzt Mut Angst voraus; es ist die Haltung von jemandem, der trotz Angst, Furcht und Müdigkeit vorwärts geht. Und tun Sie nicht genau das, obwohl es schwierig ist? Ihre Frage deutet mir an, dass Sie inmitten der Schwierigkeiten immer noch dankbar sein möchten. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass allein dieser Wunsch Ihr Vertrauen ins Leben, Ihre Offenheit, Ihren Mut beweist. Ein dankbarer Mensch hat genug Vertrauen, um dem Leben eine weitere Chance zu geben, um offen zu bleiben für Überraschungen. Da Sie dies tun, sind Sie dankbar, ob Sie dies nun spüren oder nicht. Sie werden „den Autopiloten einschalten müssen“ wie ein Schiff in dichtem Nebel. Doch der Nebel wird sich lichten. Besser noch: Ihr Vorwärtsgehen wird Sie aus dem Nebel herausbringen. Wenn Sie in dankbarem Vertrauen offen bleiben, werden dankbare Gefühle zu blühen beginnen.

Zeiten, die uns physisch, emotional und spirituell herausfordern, können es uns fast unmöglich machen, uns dankbar zu fühlen. Doch wir können uns entscheiden, dankbar zu leben, mit Mut offen zu sein für das Leben in seiner ganzen Fülle. Indem wir die Dankbarkeit leben, die wir nicht spüren, beginnen wir die Dankbarkeit zu spüren, die wir leben. Dies ist kein schnelles und einfaches Rezept, aber Sie werden sehen, es wirkt.



Aus „Questions about Gratefulness“ ©Br. David (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eve Landis)

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