Interview mit David Steindl-Rast OSB in den "Salzburger Nachrichten".

jeder mensch ist ein mystikerCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Bruder David, Sie schreiben, alle Religionen hätten das Potenzial, den Menschen zu helfen, miteinander, mit sich selbst und mit der Umwelt in Frieden zu leben. In der Öffentlichkeit wird Religion aber oft als bedrohlich erlebt. Wodurch entsteht dieser Gegensatz?

Dadurch, dass die Angehörigen der Religionen oft nicht die nötige Unterscheidung treffen zwischen dem Glauben und Glaubenssätzen. Der Glaube ist einer, er ist allen Menschen gemein. Dagegen sind die Glaubenssätze sehr verschieden und widersprechen einander oft an der Oberfläche. Wir müssen durch die Glaubenssätze hindurchgehen, sie als Ausdruck des einen, verbindenden Glaubens verstehen. Dorothee Sölle (1929–2003) hat das Wort „Gott“ ersetzt durch das Wort „mehr“. Sie hat gesagt, Gott ist mehr als alles. Es gibt Bereiche in unserem Leben, in denen wir dieses „Mehr“ entdecken, nicht als mehr von demselben, sondern als mehr im Sinne neuer vielfältiger Dimensionen unseres Lebens. Dieses Unerschöpfliche weist uns auf das Göttliche hin.

Das Streben nach mehr heißt in unserer Gesellschaft in der Regel mehr haben als sein.

Bernhard von Clairvaux sagt, was wir begreifen können, was wir angreifen können, das führt nur zu Wissen oder zum Haben. Nur das, was uns ergreift, führt uns zur Weisheit und zur Verbindung mit dem Göttlichen. Die religiöse Haltung ist ein Sich-Öffnen für das Ergriffenwerden. Wenn wird das Leben haben wollen, entgleitet es uns und zerplatzt wie Seifenblasen, die wir zu fangen versuchen. Wenn wir uns dem Leben hingeben, gibt es sich uns.

Die Kirchen verstellen den Zugang zum Glauben oft mehr, als dass sie ihn öffnen. Was tun Sie, wenn jemand Sie fragt, wie er wieder zum Glauben finden kann?

Ich versuche zu sehen, wo dieser Mensch schon Gotteserlebnisse hat. Ich würde ihn fragen: Was ergreift dich? Dann kommt als Antwort vielleicht Musik, Dichtung, Natur, seine Kinder. Dann würde ich sagen: Das ist dein Kontakt zum Göttlichen. Was dich ergreift, das weist auf eine Richtung hin, die ich Gott nenne. Diese Erfahrung des Ergriffenseins ist jedem Menschen geschenkt, das hat jeder erlebt. Genau das ist der Beginn der Mystik. Sogenannte Gipfelerlebnisse, die die Mystiker beschreiben, sind auch im Alltag da. Jeder Mensch ist ein eigener Mystiker. Der Unterschied ist, dass Mystiker ihr ganzes Leben von diesen Erfahrungen her gestalten, während der Mensch im Allgemeinen diese Gipfelerlebnisse wieder vergisst oder sich sogar davor fürchtet. Denn wer ergriffen ist, hat sich nicht mehr unter Kontrolle.

Warum gehen diese Erfahrungen so rasch wieder verloren?

Wir können sie nur durch die Erinnerung wieder wachrufen. Ich frage die Menschen: Was war so wunderbar an diesem Erlebnis? Die Antwort ist dann oft: die Verbundenheit mit allen und allem. In solchen Gipfelerlebnissen gehöre ich der ganzen Menschenfamilie an. Das Mystische ist kein oberes Stockwerk, sondern es kommt alles darauf an, diese Verbundenheit dann im Alltag zu verwirklichen, das heißt, dem Alltag eine neue Ausrichtung zu geben.

Wie pflegen Sie die mystische Erfahrung in Ihrem Alltag?

Das Rezept, das ich empfehle, ist Dankbarkeit. Diese Dankbarkeit lässt sich als spirituelle Praxis völlig mit dem Alltag verbinden. Man muss sie aber üben, etwa indem ich mich immer, wenn ich etwas Neues beginne, daran erinnere, was mir hier geschieht: Ich brauche nur den Hahn aufzudrehen, und es kommt Wasser heraus – Millionen Menschen haben kein Trinkwasser. Oder ich halte vor dem Essen einen Augenblick inne und denke in Dankbarkeit daran, wie viele Menschen gearbeitet haben, damit ich diese Mahlzeit zu mir nehmen kann. Diese Dankbarkeit lässt sich durch Übung erlernen und alltäglich praktizieren. Wir werden durch sie aufmerksam, wir werden lebendig, wir gehen nicht mehr im Halbschlaf durch das Leben.

Wie wichtig sind dafür äussere Übungen oder Rituale?

Eltern können ihren Kindern viel schenken, wenn sie ihnen Rituale mitgeben. Das müssen nicht die traditionellen sein. Sie können neue erfinden. Zum Beispiel kann die Mutter, der Vater am Abend vor dem Schlafengehen sagen: Wofür bist du heute dankbar? Das ist schon ein kleines Ritual. Oder in der Früh: Worauf freust du dich schon?

Warum sind die klassischen Rituale wie Abendgebet oder Tischgebet verloren gegangen?

Weil die Sprache uns nicht mehr entspricht, aber auch deshalb, weil sich bei diesen Gebeten der Irrtum eingeschlichen hat, dass Gott über den Wolken thront und dass wir durch unser Gebet eine Verbindung zu ihm herstellen müssen. Dagegen lehrt uns die Dankbarkeit, dass Gott in allem ist und alles in Gott ist. Dadurch wird Beziehung möglich. Das gilt für alle Menschen, nur hat jede Tradition ihren eigenen Namen dafür. Christen sagen, jeder ist ein Christus, die Buddhisten nennen es Buddha-Natur, im Hinduismus heißt es Atman. Es ist derselbe verbindende Glaube, der sich nur unterschiedlich ausdrückt. In Dialogen mit Buddhisten ist es schon gelungen, dass wir durch die Glaubenssätze hindurch zu diesem gemeinsamen Glauben durchgedrungen sind.

Davon sind wir insgesamt weit entfernt.Was gibt Ihnen Hoffnung für den Dialog der Religionen?

Meine Hoffnung ist die dringende Notwendigkeit, dass wir als menschliche Gesellschaft auf eine neue Bewusstseinstufe aufsteigen. Wir sind jetzt bestenfalls in einem pluralistischen Bewusstsein. Wir müssen zu einem integralen Bewusstsein vorstoßen, zu einem uns alle verbindenden Bewusstsein, das auch die Tiere und die Natur einschließt.

Gibt es zwischen Christen und Buddhisten eine Brücke?

Ja, diese Brücke zu bauen ist aus meiner Erfahrung leichter, als sie zwischen Christen und Muslimen herzustellen. Im Buddhismus ist das Schweigen so wichtig wie bei uns Christen das Wort. Dieses Schweigen, diese Stille verbindet uns. Die monotheistischen Religionen legen dagegen eine große Betonung auf das Wort. Und das Wort entzweit uns.

Heißt das, die Schriftreligionen, die die Bibel oder den Koran zugrunde legen, tun sich besonders schwer miteinander?

Ja, weil sie so großen Wert legen auf genau diesen und keinen anderen Ausdruck. Etwas ausdrücken zu können ist durchaus eine Stärke. Aber es ist eine große Schwäche, wenn es um den Dialog mt anderen geht.



Quelle: Salzburger Nachrichten vom 14.09.2010,

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