Interview mit Br. David Steindl-Rast OSB von Dr. Rudolf Walter

begegnungen dankbarkeit titelCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Wir sollen dankbar sein für das Gute, da werden die wenigsten widersprechen. Aber auch für das Schlimme? Es gibt Situationen, wo man nur Ärger spürt, wütend ist, wo man sich nur schämt, wo gerade etwas nicht „in Ordnung“ ist.

Natürlich sind wir nicht für alles dankbar. Aber alles kann eine Gelegenheit für Dankbarkeit werden. Auch schwierige Situationen geben uns Gelegenheit, dankbar zu sein. Wir können nicht dankbar sein, weil etwas misslingt. Aber wir können dankbar sein für die Gelegenheit, daraus etwas zu lernen: Geduld zum Beispiel. Oder Aufmerksamkeit. Und natürlich können wir für Krieg, Ausbeutung oder Hunger in der Welt nicht dankbar sein. Aber wir können - wenn wir damit konfrontiert werden -, dankbar sein für die Gelegenheit, etwas zu tun. Sonst ist eine schwierige Situation nur ausweglos. Dieses kleine Wort „Gelegenheit“ verlangt Achtsamkeit, es beschreibt das Tor zur Aktivität und macht die Dankbarkeit zu etwas sehr Schöpferischen.

Sie haben einmal sogar den Angriff auf das World-Trade-Center 2001 in diesen Zusammenhang gestellt!

Ich bin nach wie vor überzeugt: Auch dieser katastrophale Angriff war ein Ruf zur Dankbarkeit. Die allgemeine Reaktion war aber Angst, die in der Folge wieder Schrecken und Gewalt hervorrief. Wenn wir wach gewesen wären, hätten wir uns gefragt: Was war schuld, und wozu bietet uns das jetzt Gelegenheit – um zu wirklichem Frieden zu kommen? Wenn wir uns diese Frage nicht stellen, dann werden wir hineingezogen in einen Strudel von Reaktionen, die nicht wirklich Antworten sind, sondern Reaktionen des kleinen Ich, das immer Angst hat. Niemand ist in einem Krieg je Sieger. Durch Aggression und Krieg entsteht eine Ansteckung, auch der Sieger.

Könnte denn auch Dankbarkeit ansteckend sein?

Ja, das ist das Wunder: Ein dankbarer Mensch, der sich schon am frühen Morgen freut, einen neuen Tag vor sich zu haben, auch wenn das Wetter nicht gerade wünschenswert ist, wird freundlich in den Tag hineingehen, und wir wissen wie ansteckend Freundlichkeit ist. Ganz fremde Menschen, denen man auf der Straße begegnet, die einen anlächeln, können den ganzen Tag verändern. Wir können die Welt wirklich ändern dadurch, dass wir freudig ins Leben gehen. Wenn uns Gelegenheit geschenkt ist, uns zu freuen und wir diese Gelegenheit wahrnehmen, dann macht uns das lebendiger, freundlicher, kräftiger, es verbindet uns mit den anderen. Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, dass Leute, die auf der Straße eine Münze finden und sich darüber freuen, signifikant häufiger einem anderen, der ihnen dann unmittelbar darauf begegnet, helfen, als Leute, die diese Freude vorher nicht erlebt haben.

Was hebt Dankbarkeit von einer Sekundärtugend wie Höflichkeit ab?

Sie ist elementarer, der Schlüssel zur Freude. Wenn wir alles nur als gegeben hinnehmen, dann entsteht keine Freude. Menschen, die alles haben, was man zur Freude brauchen würde, und nicht dankbar sind dafür, freuen sich nicht daran. Menschen, die sehr wenig haben, was Freude schenkt, aber für das Wenige dankbar sind, haben viel größere Freude und die Freude wächst dann auch. Je dankbarer man ist, umso mehr bemerkt man Dinge, für die man auch noch dankbar sein könnte. Es gibt Kulturen, in denen man sich nicht daran freut, wie viel man besitzt, sondern darüber, wie wenig man braucht, um glücklich zu sein.

Die Konsumwerbung suggeriert uns, dass es noch etwas viel Besseres gibt. Oder dass andere es noch besser haben als wir.

Das ist so, wie wenn man ein Gefäß immer größer machen würde, so dass es nie zum Überfließen kommt. Dem können wir vorbeugen, indem wir unser Gefäß freiwillig und bewusst kleiner machen statt größer. Dann fliesst es früher über. Wenn man an einem Tag fastet oder weniger isst, freut man sich an dem Wenigen weit mehr, als man sich an anderen Tagen an der vollen Speise freut.

Es geht also um eine Lebenshaltung?

Und die beginnt mit der Einsicht, dass alles geschenkt ist. Augustinus sagt: Alles ist Gnade, unser Dasein, die Welt, alles ist unverdient. Und wenn alles Geschenk ist, dann ist die einzig passende Antwort: Dankbarkeit. Und das ist etwas viel Umfassenderes als sich durch irgendeine kleine Aufmerksamkeit für etwas erkenntlich zu zeigen. Im Letzten geht es um unsere Einbettung in das göttliche Leben. Alles, was es gibt, entspringt dem fruchtbaren Urgrund der Liebe, die sich ausdrücken will: darum gibt es alles. Und aus Liebe können wir uns wieder zurückschenken, und so stehen wir in einem Kreislauf göttlichen Lebens.

Wem schenken wir uns zurück?

Dem „Vater“, dem Ursprung. Es fliesst wieder zurück: Ich habe alles von Dir empfangen, ich habe nichts von mir selber, ich habe Dir nichts zu geben als mich selbst. Im letzten Verständnis der Dankbarkeit ist auch die Antwort zu finden auf die großen menschlichen Fragen: Warum gibt es überhaupt etwas? Und: Wer bin ich? Ich bin Geschenk, das ich dankbar zurückschenken kann, dadurch dass ich mich verwirkliche. Genau darum geht es im Leben: um diesen dynamischen Kreislauf einer Liebe, die alles hervorbringt und die sich wieder zurückschenkt.

Der Schriftsteller Rudyard Kipling sagt einmal: Ich weinte als ich keine Schuhe hatte. Bis ich einen sah, der keine Beine mehr besaß: Dankbarkeit als Vergleich nach unten?

Wenn wir uns ständig im Sinne einer Konkurrenz und Missgunst mit anderen vergleichen, dann mag der Vergleich mit Menschen, denen es schlechter geht, auch ein Zugang zur Dankbarkeit sein. Aber auf dieser Bewusstseinsstufe zu stehen, ist nicht ideal, denn das Vergleichen kommt ja nur vom Ich. Das Selbst hat niemanden, mit dem es sich vergleichen kann, das Selbst ist unvergleichlich, weil es alles eins ist.

Das Selbst – was ist das?

Ich würde sagen: Wer ich letztlich wirklich bin. Ein Ansatzpunkt ist, zu fragen: Du lebst - was heißt das? Unzählige Lebensprozesse gehen in deinem Körper, da muss man gar nicht vom Geist sprechen, vor sich. Wer kontrolliert die denn? Bist du das? Kannst du jetzt dein Frühstück verdauen, versuch‘s einmal. Das musst du etwas anderem überlassen, eben dieser Kraft in dir, die du selbst bist und die du mit allen anderen teilst, und die sich nicht trennen lässt von der Kraft, die Bäume wachsen lässt und den Regen sendet und die Erde um die Sonne kreisen lässt und die Sonne in ihrer Bahn führt und so weiter: das ist alles eine Kraft, die in dir wirkt.

Ist Dankbarkeit so verstanden eine Form von Religiosität vor aller Konfession?

Sie ist zutiefst religiös in dem Sinne, dass sie wieder verbindet, was zerrissen ist: im tiefsten Sinn von Religion „religio, religare“. Zerrissen ist unsere Beziehung zu anderen. Unsere Beziehung zu uns selbst, die Beziehung zwischen Ich und Selbst. Und die Beziehung zum Göttlichen, zu der letzten Wirklichkeit. Dankbarkeit ist also nah am Herzen jeder Religion, ein Verbindungsglied zwischen den verschiedenen Religionen und wichtig im religiösen Dialog.

Sind die Beziehungsdimensionen - zu allem Anderen, zum Selbst und zum Göttlichen - untereinander verbunden?

Natürlich. Wir können ja nicht sagen: Mein Verhältnis zu allen anderen ist wunderbar, nur zu mir selber habe ich keine guten Beziehungen. Oder: Mit Gott habe ich eine wunderbare Beziehung, aber mit den Menschen komme ich halt nicht aus, oder die Natur ist mir völlig egal. Es hängt alles zusammen. Es gibt viele Menschen, die wirklich gut und voller Liebe zu anderen Menschen sind. Von ihnen sagt Jesus: „Was ihr meiner Schwester, meinem Bruder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und Johannes sagt: „Wie könnt ihr sagen, dass ihr Gott liebt, wenn ihr den Nächsten nicht liebt“. Diese Beziehung zum Anderen, zum Nächsten zu haben und dadurch zu Gott, das hat Jesus uns gelehrt, und wir haben das nicht verstanden. Jemand hat gesagt: Das Christentum hat nicht versagt, es ist nur nie versucht worden.

Kann man diese Haltung üben?

Ja, nur indem ich etwas übe, wird es zur Haltung. Am besten ist, man schreibt ein Tagebuch und notiert regelmäßig, wofür man dankbar sein darf. Man wird viel offener, achtsamer in den nächsten Tag gehen und bewusster leben. Was noch wichtig ist: die Stille suchen. Erst in der Stille können wir tiefe Dankbarkeit spüren. Wer dankbar ist, kann übrigens nicht unglücklich sein. Er weiß, dass er in Verbindung ist mit anderen, einbezogen in ein Netzwerk von Geben und Nehmen, dass er zu anderen zugehörig ist. Und er sagt Ja dazu: Dieses Ja ist das Wesen der Liebe.

Also eine Lebensaufgabe! Bis zuletzt?

Wenn ich dankbar dem Sein gegenüber bin, werde ich das auch im nächsten und übernächsten Augenblick sein können – und dann auch im letzten Augenblick, wenn es darum geht, das Ich endgültig loszulassen im Sterben.



Quelle: ©2011 "einfach leben"
, ein Brief von Anselm Grün, Hg. von Rudolf Walter

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