Interview mit David Steindl-Rast OSB von Susanne Huber

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Zu den unterschiedlichen Namen Gottes im Islam könne man auch als Christ Meditationen anstellen, um sich dem Geheimnis Gottes zu nähern, sagt Bruder David. In seinem neuen Buch «99 Namen Gottes» setzt sich der Pionier des interreligiösen Dialogs mit ihnen auseinander und versucht als Brückenbauer zu einer Verständigung zwischen den Religionen beizutragen.

gottesnamenWie ist es Ihnen dabei ergangen, sich mit den vielen Facetten der unterschiedlichen  Gottesnamen im Islam auseinanderzusetzen?

Viele Namen sind ja die selben wie bei uns Christen – „der Schöpfer“ oder „der Erlöser“. Manche sind für uns aber ein bisschen irreführend, wie „der Zurückweisende“, oder „der Verweigernde“. Diese Namen würde man zunächst negativ auffassen. Letztlich kommt es aber darauf an, was wir als Menschen erleben, wenn wir sie in Bezug auf das große Geheimnis, mit dem wir alle konfrontiert sind, hören. Wenn uns das gelingt, dann haben wir eine Brücke gebaut – nicht von Muslimen zu Christen irgendwo oben, sondern tief unten, wo wir als Menschen eins sind. Ich habe mich bemüht, die Namen dorthin zu bringen, wo sie auf den Menschen vibrieren und ein Echo auslösen könnten.

Immer wieder kommt im Text vor, dass jeder dieser 99 Namen nur ein Hinweis auf Gottes namenlose Wirklichkeit bleibt ...

Wenn wir Gott sagen, dann weisen wir auf dieses namenlose Geheimnis hin, mit dem wir uns als Menschen auseinandersetzen müssen. Gott ist ein Begriff für das angerufene Geheimnis, mit dem wir eine persönliche Beziehung haben können – und im Dialog mit diesem geben wir Namen.

War es schwierig für Sie, die Meditationen zu verfassen?

Ich habe nicht so sehr darüber nachgedacht, sondern meditiert, mich darauf eingelassen und meine Gedanken niedergeschrieben ohne zu spekulieren. Das ist ja das Entscheidende an dieser inneren Wirklichkeit, die wir nicht begreifen, aber wir können sie verstehen, wenn sie uns ergreift. Das kommt häufig auch vor in Form der Musik. Ich habe mich von den Gottesnamen ergreifen lassen und aus der Ergriffenheit heraus dann geschrieben.

Ja, manchmal sind wir Menschen auch ergriffen von Gefühlen, die uns bewegen, z. B. des inneren Friedens. Oft nur für einen kurzen Augenblick. Wie gelingt es, zu ihnen immer wieder die Verbindung herzustellen?

Die Verbindung ist immer da, aber wir sind nicht immer aufmerksam dafür. Die christliche Aussage, die das betrifft, ist jene des heiligen Paulus, als er in Athen predigt – und dort spricht er nicht zu Christen, sondern als Mensch zu Menschen. Er sagt von Gott, dem großen Geheimnis: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17, 28). Das heißt, wir sind völlig in Gott. Wie der Tropfen im Meer. Das Geheimnis ist in uns und wir sind in ihm. Und das gilt auch für uns als Christen, wenn wir von Gott sprechen.

Welcher Name Gottes hat Sie persönlich am meisten berührt?

Natürlich „der Dankbare“. Denn wir erwarten nicht, dass Gott der Dankbare ist, sondern wir danken Gott. Aber wir sind völlig in diesem göttlichen Geheimnis aufgefangen; und wenn wir danken, dankt Gott in uns. Das ist unergründlich. Gott ist zugleich unser Ich und unser Du.

Was verbirgt sich hinter der Dankbarkeit?

Die Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Freude. Mehr Freude in der Welt wäre eine andere Welt als jene, die wir haben. Auch wenn Menschen große Leiden erdulden, strahlen sie oft vor Dankbarkeit. Das sind die dankbaren Menschen, die freudig leben. Dankbarkeit setzt aber auch Lebensvertrauen voraus. Dabei geht es nicht darum, danke zu sagen, sondern es geht um eine Haltung dem Leben gegenüber. Und die kann man nur haben, wenn man Lebensvertrauen hat.

Meinen Sie mit Lebensvertrauen auch Gottvertrauen?

Das ist ein und dasselbe. Heute ist es fast besser Lebensvertrauen zu sagen, weil so viele Menschen etwas Falsches unter Gott verstehen oder das Wort gar nicht verwenden wollen. Vertrauen ins Leben ist das Gegenteil von Furcht. Wir leben in einer Gesellschaft, die von Furcht getrieben ist. Angst ist etwas anderes, sie ist im Leben unvermeidlich. Man kann in Angst sein und sich trotzdem nicht fürchten.

Und das hängt mit Vertrauen zusammen ...

Wenn ich darauf vertraue, dass ich gut durchs Leben geführt werde, komme ich durch die Angst durch. Aber wenn ich mich dagegen sträube, dann fürchte ich mich. Und die Furcht verursacht, dass wir in der Angst, in der Enge stecken bleiben. Das Vertrauen ist sozusagen das Schmieröl. Das ist die wichtigste Entscheidung, die man trifft. Nicht ein für alle Mal, leider, sondern immer wieder werde ich vor die Entscheidung gestellt, vertraue ich jetzt dem Leben oder fürchte ich mich.

Der Angst müssen wir uns im Leben ja des Öfteren stellen ...

Und doch sehen wir, wenn wir zurückschauen, dass manchmal sogar aus den ärgsten Katastrophen etwas Positives, eine neue Geburt, entstanden ist. Jedes Mal, wenn wir durch die Angst durchgehen, werden wir wie bei unserer Geburt neu geboren. Darauf kann man sich verlassen. Obwohl – vorausschauend sieht man es nie, immer nur rückschauend. Und so kann ich mich darauf verlassen, dass das auch beim Sterben der Fall sein wird. Die Angst gehört zum Sterben. Das ganze Leben ist sozusagen eine Vorbereitung, eine Übung, uns darauf einzulassen.

Was ist hilfreich für diese Übung?

Danken. Augenblick für Augenblick spricht mir das Leben etwas zu und erwartet meine Antwort. Auch wenn ich z. B. mit Lügen, Untreue, Umweltverschmutzung, Krankheit oder Tod konfrontiert bin und das schmerzlich ist, kann ich dankbar sein für die Gelegenheit, die dieser Augenblick mir gibt. Auch aus den schwierigsten Situationen kann man etwas lernen und daran wachsen. Das sind Geschenke. Wenn etwas nicht so ist, wie es sein soll, etwa im politischen Bereich, kann ich protestieren. Wenn man versucht mich zu bestechen, kann ich dankbar sein für die Gelegenheit zu sagen, ich bin nicht käuflich. In persönlichen Beziehungen ist es mir möglich, Grenzen zu setzen und nein zu sagen.

Da ist man dann gefordert, diese Gelegenheiten tatsächlich auch zu nutzen und zu tun.

Das kann man immer wieder üben. Wir haben diesen kleinen Merksatz: „Stop. Look. Go.“ Das lehren wir den Kindern, damit sie sicher über die Straße kommen. Wir Menschen können das jeden Augenblick tun: „Stop“ – innehalten, sonst ist die Gelegenheit vorbei; „Look“ – schauen, welche Möglichkeit bietet sich jetzt; und dann „Go“ – die Chance beim Schopfe packen. Meistens bieten sich in einem Augenblick auch viele Gelegenheiten, sich zu freuen. Das übersehen wir oft und leben freudlos, weil wir alles als gegeben hinnehmen.

Es findet sich im Buch u. a. „der Vergebende“ Gottesname. Wie wichtig ist Vergeben, um zur inneren Ruhe zu kommen?

Geben und Nehmen gehören immer zusammen. Das ist eine Balance. Und die schwerste Stufe von Geben ist das Vergeben. Dieses kleine „ver“ bedeutet ja meistens eine Intensivierung des Wortes. Auch das Nehmen ist das Schwierigste, denn wenn wir wirklich vergeben wollen, müssen wir letztlich die Schuld auf uns selber nehmen. Man kann nur vergeben, indem man eins ist mit dem anderen.

Wir befinden uns mitten im Advent. Welche Bedeutung hat diese Zeit für Sie?

Für uns hier in Österreich ist es eine besonders wichtige Zeit, weil wir Volksbräuche haben. Dort, wo sie in der Gesellschaft verlorengegangen sind, müssen wir die Rituale wieder beleben und pflegen, denn sie geben uns Festigkeit. Und wenn man sich dann noch spirituell auf die religiösen Inhalte einlässt, ist es umso besser. Man kann durch Rituale langsam wieder in das Spirituelle hineinkommen. Das sind Formen, die mir Zugang geben zu diesem innersten Geheimnis in uns. Volksbräuche sind auch eine gute Gelegenheit, sie mit anderen Religionen zu teilen und sich gemeinsam an ihnen zu freuen.«



Quelle: Kirchenzeitung Diözese Linz, Ausgabe 50/2019

 

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