Interview mit David Steindl-Rast OSB von Josef Bruckmoser

vom myth wasser titelCopyright © - pixabay

Ein angesehener christlicher Mystiker hat sie neu interpretiert – mit erstaunlichen Ergebnissen. Bruder David lädt in seinem Buch «99 Namen Gottes» ein, „durch die Tore der unterschiedlichen Gottesnamen einzutreten in das eine namenlose Geheimnis, das uns eint“. Im Gespräch mit den Salzburger Nachrichten erläutert er seinen Zugang zu den 99 Namen Gottes im Islam.

Sie befassten sich viel mit dem Buddhismus. Warum jetzt der Islam?

David Steindl-Rast: Ich hatte in meinem Leben weit mehr Gelegenheit, mich mit dem Buddhismus zu befassen als mit dem Islam.
Aber weil heutzutage die Spannungen zwischen der angeblich christlichen Bevölkerung Mitteleuropas und den islamischen Flüchtlingen so groß ist, wollte ich etwas Versöhnendes schreiben.

Drücken 99 Namen Gottes auch das Unvermögen des Menschen aus, überhaupt etwas über Gott auszusagen?

Ja, darauf gehe ich in meinem Buch «99 Namen Gottes»  immer wieder ein. Das Schweigen als Ausdruck dieses Unvermögens kommt dem Geheimnis Gottes viel näher als alles Benennen.

Sind Ihnen von diesen 99 Namen einige besonders nahe gekommen?

Interessanterweise fällt mir keiner ein, aber es fallen mir viele ein, die mir eher unsympathisch sind, wie z. B. der König oder der Mächtige. Das sind Bezeichnungen für Gott, die sich auch weitgehend mit dem Christentum decken. Solche Namen Gottes kommen der Pyramide der Macht im Christentum wie im Islam sehr gelegen, weil weltliche wie religiöse Machthaber diesen Anspruch Gottes für sich selbst ausnützen. Das steht meinem Verständnis von Christentum völlig entgegen. Wenn Jesus vom Reich Gottes spricht, ist es genau das Gegenteil einer weltlichen Machtpyramide, an deren Spitze ein König sitzt. Das Reich Gottes ist keine Pyramide, es ist ein Netzwerk von Netzwerken. So hat Jesus das als Wanderprediger mit seinen Leuten gelebt. Seine mystische Erfahrung der Nähe Gottes machte ihn zum Revolutionär. Er hat gesellschaftliche und religiöse Macht untergraben und wurde dafür am Ende hingerichtet. Papst Franziskus versucht, die kirchliche Machtpyramide durch menschliche Beziehungen und Netzwerke zu ersetzen. Zwischen ihm und Vertretern dieser Machtpyramide spielt sich leider ein schwerer Zusammenstoß ab.

Was können Christen aus den 99 Namen Gottes im Islam erfahren?

Den Islam zeichnet eine große Ehrfurcht vor dem überwältigenden Geheimnis Gottes aus. Dieser Schauder vor dem Heiligen sollte
auch uns Christen wieder ergreifen.

Geht es dabei auch um die Ehrfurcht vor unserer Mitwelt, um die Ehrfurcht vor dem Leben auf dieser Welt?

Selbstverständlich. Es geht um Ehrfurcht vor dem Leben – im anderen Menschen, in der Natur und in mir selbst. Könnten wir die Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes, das uns im gelebten Leben bewusst wird, wiedergewinnen, dann hätten wir auch Ehrfurcht voreinander, und wir würden mit unserer Welt anders umgehen.

Einige Namen Gottes widersprechen einander. Wie kann Gott gleichzeitig gerecht und barmherzig sein?

Das ist das Schöne an den Namen Gottes im Islam, dass die Gegensätze zusammenfallen. Im Christentum hat Nikolaus von Kues betont, dass in Gott alle Gegensätze eins sind. Begreifen können wir das nicht, aber wenn Ehrfurcht vor diesem Geheimnis uns ergreift, dann verstehen wir es. Wenn Ehrfurcht verloren geht, dann wird aus dem Zusammenfallen gegensätzlicher Gottesnamen ein Zusammenprallen. Dann muss man sich für eine Seite entscheiden. Das ist genau der heutige Zustand der Welt: Alles, ob religiös oder politisch, ist gespalten.

Gibt es einen verständlicheren Ausdruck für Ehrfurcht?

Ich spreche gern auch von Ergriffenheit. Die erleben wir, wenn ein Kind geboren wird, wenn wir verliebt sind, wenn wir Musik hören,
die uns ergreift. Bernhard von Clairvaux sagt, Begriffe machen wissend, Ergriffenheit macht weise.

Religionen machen sich viele Begriffe von Gott. Ist das ein Grund für die Distanz vieler Menschen zur Religion, weil sie spüren: Ein Gott, über den man alles weiß, kann nicht der wahre Gott sein?

Also einerseits bin ich begeistert und hingerissen etwa von der Theologie der Dreifaltigkeit Gottes, besonders wie sie Karl Rahner (Theologe des Zweiten Vatikanischen Konzils, Anm.) darstellt. Sie wurde Jahrhunderte hindurch erbaut wie ein herrlicher intellektueller Dom. Andererseits hat Rahner selbst mit einem ironischen Lächeln gesagt: Was haben denn die Kirchenväter schon vom Innenleben der Dreifaltigkeit wissen können?! Rahner hat Theologie zwar ernst, aber doch auch leicht genommen. Worauf es ankommt, ist persönliches Erleben. Die eigentliche Religiosität des Menschen, der mystische Umgang mit dem großen Geheimnis ist so etwas wie ein unterirdischer Wasserspiegel. Die verschiedenen Religionen bohren ihre Brunnen hinein. Wenn wir einander verstehen wollen, können wir das aber nicht, indem wir die Brunnen vergleichen, sondern nur, indem wir vomWasser trinken – vom mystischen Wasser der Begegnung mit dem Geheimnis, das in allen Religionen fließt, aber auf unterschiedliche Weise dargeboten wird. Dieser Gedanke liegt heute vielen Menschen nahe. Er untergräbt nicht den Wahrheitsanspruch der Religionen, aber er stellt jeden exklusiven Wahrheitsanspruch bloß. Auf der mystischen Ebene liegt die einzige Hoffnung für den Dialog der Religionen – und dass man Verschiedenheiten und Ähnlichkeiten auf der oberflächlichen Ebene leicht nimmt.

Die Religionen sollen sich weniger wichtig und ernst nehmen?

Sie sollen sich ernst nehmen, aber sie sollen ihre eigenen Formeln und Einsichten gegenüber anderen Religionen nicht so wichtig nehmen. Sie sollen darauf schauen, was uns als Menschen religiös verbindet. In dieser tieferen Ebene der menschlichen Religiosität ist alles drinnen. Jesus hat die Menschen immer auf ihre eigene Gotteserfahrung hingewiesen. Seine typische Lehrmethode ist das Gleichnis. Es hat drei Schritte. Erstens die Frage: Wer von euch weiß nicht schon …? Zweitens die Antwort: Wir alle wissen das selbstverständlich … Drittens die Frage (oft nur durch ein Augenzwinkern Jesu): Warum handelt ihr dann nicht danach …? Jesus ist überzeugt: Jeder Mensch weiß im Herzen, was Gott will. Er sagt, ihr wisst doch, dass alles Große klein anfängt, ihr wisst, dass Gott euch liebt wie ein Hirt sein verlorenes Schaf, ihr wisst, wer euer Nächster ist – warum handelt ihr nicht danach?!

 

Quelle: Salzburger Nachrichten   vom 16.11.2019

 

logo bibliothek
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.