Interview mit Br. David Steindl-Rast OSB von Christa Spannbauer, Assistentin von Willigis Jäger

begegnung mit bruder davidCopyright © - pixabay

Als ich von Bruder David erfuhr, dass er im Herbst zu einem seiner seltenen Besuche nach Europa kommt, fragte ich ihn um die Möglichkeit eines Interviews an. Zu meiner großen Freude lud er mich zu einem Treffen beim Waldzell Meeting ein, das vom 17.-19. September 2007 im Stift Melk stattfand und bei dem er sich viel Zeit für ein ausführliches Gespräch nahm. Für mich war es das Wiedersehen mit einem Menschen, dessen Güte und gelebte Dankbarkeit unauslöschliche Spuren in meinem Herzen hinterlassen haben. Durch seine Einladung ermöglichte mir Bruder David auch den Zutritt zu dem renommierten Waldzell-Meeting, zu dem 150 ausgewählte wirtschaftliche EntscheidungsträgerInnen aus der ganzen Welt geladen waren. Als besonderer Ehrengast war der Dalai Lama zu dieser Konferenz angereist, die er gemeinsam mit Bruder David eröffnete. Weitere prominente ReferentInnen waren der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho, die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende, der Nobelpreisträger Sir Paul Nurse und VertreterInnen aus Religion und Wissenschaft.

Das Meeting mit dem Thema „Was bleibt“ ging der Frage nach unserem gemeinsamen Vermächtnis für die Welt nach. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie wir die Erde für unsere Kinder und für die Zukunft bewahren können. Das Waldzell Meeting versteht sich hierfür als eine Plattform für innovative Menschen, die nach neuen Antworten auf die wichtigsten sozialen und gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit suchen und eine aktive Rolle bei der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft einnehmen. Hierfür werden Visionen entwickelt und kreative Lösungen angestrebt, die für alle Menschen an allen Orten der Welt durchführbar sind. Erklärte Ziele sind die Förderung eines globalen Dialogs und die konstruktive Einwirkung auf alle gesellschaftlichen Bereiche. Konkreten Ausdruck findet die Aktivität des Waldzell-Meetings in greifbaren Projekten, die von so genannten „Architects of the Future“ vorgestellt und durchgeführt werden.

Bei diesen handelt es sich um herausragende junge Führungspersönlichkeiten aus der ganzen Welt, die sich den brennenden Fragen unserer Zeit widmen und soziale Projekte ins Leben rufen, die den Traum von einer besseren Welt umzusetzen suchen. Hierfür wird ihnen ein Netzwerk zur Verfügung gestellt, das durch die Unterstützung spiritueller LehrerInnen sowie das Know-how erfahrener Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Wirtschaft getragen wird.

Seinen Abschluss fand das Meeting mit einem großen Abschlussritual in der mächtigen und Ehrfurcht gebietenden Stiftskirche des Klosters. In seinem Vortrag über die spirituellen Herausforderungen im 21. Jahrhundert sagte seine Heiligkeit, der Dalai Lama: „Um eine bessere Welt zu schaffen, müssen wir der zukünftigen Generation die größtmögliche Menge an Zuneigung und Mitgefühl geben.

Unsere beste Ressource ist die Warmherzigkeit. Unsere Kinder brauchen Herzensbildung zum Glück. Als Ergebnis werden wir weniger Angst, weniger Zweifel und weniger Argwohn erleben. Er stellte zudem unter dem großen Beifall der Anwesenden in Aussicht, dass es sich beim nächsten Dalai Lama durchaus um eine Frau handeln könne.

Zu unserer Freude stattete die Initiatorin des Waldzell Meetings, Gundula Schatz, dem Benediktushof beim diesjährigen Freundeskreistreffen einen Gegenbesuch ab. Sie überbrachte dabei eine Einladung an Willigis für das Waldzell Meeting im kommenden Jahr. Bei den inspirierenden Gesprächen wurden gemeinsame Ideen für eine Vernetzung des Waldzell Meetings mit dem Benediktushof entwickelt.

Zum Abschluss möchte ich es nicht versäumen, euch die Antwort von Bruder David auf meine Frage nach der Bedeutung von Dankbarkeit für unser Leben zukommen zu lassen: Die Dankbarkeit ist eine Form spiritueller Praxis, die den Vorzug hat, dass sie sehr schnell Resultate zeigt. Wenn wir uns am Morgen vornehmen, dankbar zu sein für alles, was uns an diesem Tag begegnet, werden wir am Abend bereits spürbar glücklicher sein. Dankbarkeit heißt, den Augenblick, jede Situation, alles was gegeben ist als Gabe, als Geschenk wahrzunehmen. Es geht darum, jede Gelegenheit zu erkennen, für die wir dankbar sein können. Wenn wir diese Gelegenheiten wahrnehmen und alles, was uns begegnet als Geschenk erkennen und nicht einfach als gegeben hinnehmen, wenn alle unsere Sinne offen sind und wir uns freuen können an jeder Gelegenheit, dann wachen wir auf. Der Impuls der Dankbarkeit führt zum göttlichen Urgrund, aus dem alles kommt. Dieser Urgrund ist die Quelle von allem und wir finden diesen Urgrund, diese göttliche Tiefe in uns selbst. Wir sind mit allem verbunden, die ganze Schöpfung ist Gabe füreinander. Wir alle sind ein Geschenk, das aus dem mütterlichen Schoss, der göttlichen Urquelle hervorgeht und das wir wieder zurückgeben an diese Quelle. In der Danksagung erkennen wir dieses unglaubliche Geschenk und verschenken uns selbst dankbar an alles. Das führt natürlich auch zu einem neuen Gottesbild und weg von der mittelalterlichen Vorstellung eines über uns thronenden, von uns getrennten Gottes. Wir erfahren vielmehr einen Gott, in dem wir völlig eingebunden und eingebettet sind. Alles ist göttlich. Gott ist völlig in uns und geht zugleich unendlich über uns hinaus. Diese Leere, diese Stille, dieses Nichts – daraus kommen wir. Die Quelle ist unerschöpflich, denn Gott ist die Quelle.



Quelle: Interview von Ch. Spannbauer

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