Interview mit David Steindl-Rast OSB von Josef Bruckmoser

was gibt einer toilettenfrauCopyright © - Wilfried F. Noisternig

Bruder David Steindl-Rast zeigt beim Interview zum Thema Menschenwürde einen Beitrag, den er am Wochenende zuvor in den „Salzburger Nachrichten“ gelesen hat.
Es war die Geschichte über die Arbeit am Ort der Stille, genauer über die Toilettenfrau, die ihrem Lehrling einen Rat für sein Leben als Toilettenmann mitgegeben hat: „Weißt, man darf sich für diese Arbeit nicht zu schade sein. Man muss sie mit Freude tun.“ Für den 92-jährigen Mönch und Mystiker heißt das: „Man muss die Arbeit, die einem das Leben gegeben hat, mit Würde tun.“ Für einen Schuster oder Mechaniker wäre es früher unter seiner Würde gewesen, einen Schuh nicht bestmöglich zu nähen oder ein Auto nicht sorgsam zu reparieren, sagt Bruder David – und ist damit mitten im Gespräch über die Würde und den Mangel daran.

Warum ist Würde für Sie ein so wichtiges Thema geworden?

Mir scheint, dass in unserer westlichen Gesellschaft der Wert der Menschenwürde verloren gegangen ist. Die meisten Menschen können sich noch an eine Zeit erinnern, wo man ein Auto zur Reparatur in die Werkstatt gebracht hat und man sich darauf verlassen konnte, dass der Mechaniker das anständig macht. Darauf hat er einen Stolz gehabt. Es wäre unter seiner Würde gewesen, wenn er das Auto nicht so gründlich hergerichtet hätte, wie er es nur konnte. Das war in der Gesellschaft ein hohes Ideal. Heute ist das Ideal, das den jungen Menschen von unserer Gesellschaft vorgestellt wird, ein ganz anderes. Diejenigen, die sich auf Kosten anderer berei-chern, die andere ausbeuten, sind zu Idealgestalten geworden. Wenn man junge Menschen fragt, was sie werden möchten, dann nennen sie häufig Leute, die korrupt sind: Man möchte reich werden, Karriere machen und so wenig wie möglich arbeiten müssen. Das gaukelt unsere Gesellschaft der Jugend als Ideal vor.

Wie kann ein junger Mensch lernen, dass er Würde hat – und jeder andere auch?

Damit ein Mensch in seine Menschenwürde hineinwächst, braucht es zweierlei. Das Erste ist, dass ein Mensch schon in der frühesten Erziehung angenommen wird, unfraglich, ohne Wenn und Aber. Das Kind muss völlige Sicherheit darin gewinnen, dass es gewünscht ist. Der zweite Punkt ist, dass du nicht angenommen wirst, weil du dich anpasst, sondern weil du dieser Mensch bist in deiner ganzen Einzigartigkeit. Wenn beides zusammenkommt, in der Familie, in der Schule, in der weiteren Ausbildung, dann erzieht man Menschen heran, die die Menschenwürde erfahren und dann auch selbst leben können. Aber schon ein Blick auf unser Schulsystem zeigt, dass du nur angenommen wirst, wenn du dich anpasst.

Wenn du deine Leistung erbringst, wenn du dich in das System fügst ...

...wenn du genau das tust, was man heute von dir verlangt. Die jungen Menschen erleben das sehr stark. Sie leiden darunter, können es aber meist nicht ausdrücken. Daher lassen sie diese Frustration an ihren Mitschülern aus. Was man Mobbing nennt, ist eine Epidemie geworden. Mobbing besteht genau darin, dass eine Gruppe von Schülern einen auswählt und ihm sagt: Du gehörst nicht dazu, du bist ein Außenseiter, und du bist dumm, du bist schlecht angezogen, du bist nicht attraktiv. Beides ist das Entwürdigende: Du gehörst nicht zu uns, und das, was du selbst bist, ist schlecht. Das spiegelt genau das Gegenteil von dem, was die Menschenwürde ausmacht. Wenn in einer Gesellschaft mehr und mehr Menschen leben, die dieses Bewusstsein der Würde nicht mehr haben, tut man, was alle tun. Man heult mit den Wölfen, und das bedeutet Korruption. Nur wer Würde hat, kann auf eigenen Füßen stehen und sagen: Selbst wenn es alle machen, ich mache es nicht.

Was gehört zur Würde dazu? Selbstbewusstsein zum Beispiel?

Selbstbewusstsein gewiss. Ich erinnere an die Toilettenfrau, die ihrem Lehrling sagt, du darfst die Arbeit nicht unter deiner Würde ansehen. Wenn man das Bewusstsein der Würde hat, sieht man seine Arbeit als die Rolle, die einem das Leben aufgibt. Das heißt nicht, dass man nicht eine andere Arbeit anstreben dürfte. Aber wenn klar ist, dass diese Arbeit jetzt die meine ist, gehört der Stolz dazu, es gut zu machen. Wenn man Würde hat, schämt man sich, wenn man nicht menschenwürdig handelt, und ist stolz darauf, wenn man es tut. Es ist der Stolz, dass ich mir als Mensch treu geblieben bin. Worauf sind viele heute stolz? Häufig darauf, dass sie andere übervorteilt haben.

Worin zeigt sich, dass ich einem Menschen würdevoll begegne?

Indem ich die Würde des anderen anerkenne, weil er Mensch ist. Das gilt ohne jede Ausnahme für jeden Menschen. Selbst wenn er verkommen ist. Für mich zeigt sich das besonders am Umgang mit Verbrechern. In unserer Gesellschaft heißt es: Wer ein Verbrechen begeht, wird bestraft. Aber jede Bestrafung ist Rache. Wenn man die Würde des Verbrechers anerkennt, ist die Antwort auf sein Vergehen nicht die Strafe, sondern die Besserung, die Wiedereinführung in die Gesellschaft. Am schlimmsten ist die Rache an Verbrechern in den USA. In Kalifornien sind die Gefängnisse der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor. Diese werden teils an deutsche Unternehmer verpachtet, die daraus Profit schlagen.

In Würde leben heißt demnach, dass ich der Idee, die ich in meinem Leben erkenne, mit Bedacht auf der Spur bleibe?

In meiner Idee vom Leben drückt sich meine Eigenständigkeit aus, meine Berufung, meine Würde.

Welche Würde haben andere Lebewesen?

Zugehörigkeit ist etwas Wesentliches der Würde. Damit dürfen wir nicht beim Menschen stehen bleiben. Heute schon gar nicht. Zugehörigkeit schließt nicht nur die Menschenfamilie ein, sondern die Tierwelt, die Pflanzen, die ganze Mitwelt. Weil wir das nicht tun, sehen wir, was wir mit der Umwelt anrichten.

Es müsste unter unserer Würde sein, die Natur schlecht zu behandeln?

Absolut. Die Zugehörigkeit kann heute nicht weit genug gefasst werden. Diese Entwicklung hat sich im vergangenen Jahrhundert vollzogen. In meiner Jugend konnte man noch sagen, dass jemand ein gebildeter Mensch ist, sich aber Tieren nicht zugehörig fühlt. Damals konnte man noch einen Kreis ziehen um die, denen man sich zugehörig fühlt. Heute ist das nicht mehr möglich. Wer noch irgendwo ausgrenzt, handelt gegen die Würde. Zur Würde gehört heute ein unbegrenztes Zugehörigkeitsgefühl.

Heute werden wieder überall Grenzen hochgezogen. Kann es sein, dass die globale Zugehörigkeit uns – noch – überfordert?

Das kann sein. Wir haben immer Grenzen gezogen und sind noch nicht darüber hinausgewachsen. Grenzen der Unterscheidung sind auch notwendig. Sie schaffen Klarheit. Aber Grenzen der Trennung und der Ausgrenzung sind immer schädlich.

 

Quelle: Salzburger Nachrichten  vom 07.11.2018. Siehe auch Video-Vortrag "Würde - was wären wir ohne sie" und Audio-Vortrag "Menschenwürde"

 

logo bibliothek
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.