AUDIO Vorträge

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Lebensorientierung (10.-15. Februar 2015)
Retreat  im Felsentor mit Bruder David und Vanja Palmers

Nachschrift der Themen Tag 1-2, zusammengestellt von Susanne Latzel  (2015)  und neu bearbeitet von Hans Businger (2025)


Themenübersicht

Tag 1: Dienstag, 10. Februar
Wo stehe ich?
Ich-Du-Achse und Ich-Es-Achse
Wohin gehe ich?

Ich nehme Zuflucht zu den drei Juwelen:
zu Buddha: wacher Geist,
zum Dharma: das Leben, unser Lehrmeister,
zur Sangha: Verbundenheit

Tag 2: Mittwoch, 11. Februar
Unsere Beziehung zum Geheimnis
Unterschied von Begreifen und Verstehen
Leiden und das Leidige
Angst ‒ Furcht und Vertrauen
Gott in den religiösen Traditionen
Fürchte dich nicht!

Die drei Geistesgifte
Die sechs Ratschläge des Tilopa
Drei Daseinsmerkmale
Postscriptum:
unsere Licht- und Schattenseiten


Tag 1: Dienstagvormittag:
1. Impulsvortrag (Bruder David):

Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) sagt: Philosophie ist ein der Sprache nachdenken. In der Sprache, in ihren Worten und Begriffen ist sehr viel Weisheit.

Das Wort Orientierung kommt von ‹oriens›, was Aufgang bedeutet. Man orientierte sich am Sonnenaufgang, dann wusste man um die Himmelsrichtungen. Und in einer tieferen Schicht der Orientierung kann man sagen, es geht uns ein Licht auf. Wir benutzen zur Orientierung Karten, Landkarten, den Globus. Um zu wissen, welches Hilfsmittel nützlich ist, müssen wir uns entscheiden, worum es uns geht. Dann muss die Karte mit unserer Erfahrung zusammengebracht werden. Im letzten geht es um die eigene Erfahrung.

Ausgangspunkt für jede Orientierung ist mein Standpunkt, wo ich mich befinde. Dort beginnen wir immer. ‹Ich bin da› ist unser Ausgangspunkt. Wir beginnen mit dem Ich.

Wir können das auf zwei Weisen ausdrücken:

‹Ich bin da›, oder ‹Es gibt mich›.

Es macht einen Unterschied aus, wie wir beginnen. ‹Ich bin da› beinhaltet die Gefahr, dass ich mich zum Mittelpunkt mache. In gewissem Sinne bin ich immer Mittelpunkt. Die Gefahr ist, darin stecken zu bleiben, dann wird das Ich zum Ego.

Wenn ich ‹ES gibt mich› sage, gehe ich über mich hinaus und trete ein in ein Beziehungsfeld. Ich finde mich als gegeben vor, bin Gegebenheit, bin ein Geschenk.

Im Augenblick, wo ich ‹Ich› sage,
setze ich ein Du voraus.
Denn Ich zu sagen hat keinen Sinn,
wenn es nicht auf ein Du bezogen ist:
«Ich bin durch Dich so ich.»

«I am through you so I» ist die Schlusszeile im Gedicht des amerikanischen Dichters E. E. Cummings: ‹I am so glad and very›.

Die erste Orientierungsachse ist die Ich-Du-Achse.

Die ersten Du-Beziehungen sind zur Mutter, zu den Geschwistern, zum Vater, Verwandten, Bekannten, zur Katze, zum Hund oder zum Teddybär.

In der Ich-Du-Achse ist das Du die Verallgemeinerung aller Du-Beziehungen.

Später kommen wir zur Einsicht,
dass das letzte Du dem innersten Ich entspricht.
Das letzte Du ist im Unbegreiflichen, im Geheimnis zuhause.

Wir können das besser verstehen, indem wir uns klarmachen, dass wir das Leben als Lebensgeschichte erfahren. Wir wollen unsere Lebensgeschichte jemandem erzählen. Aber das gelingt uns nie ganz, sondern nur teilweise. Doch unser innerstes Ich erzählt sie dem Ur-Du in uns, das im Geheimnis verborgen ist.

Letztlich gehören wir einem Bereich an, der über alles Begreifen hinaus geht. Dichterische Sprache reicht am ehesten an diesen Bereich heran.

Rilke spricht vom Ur-Du in seinem Gedicht: ‹Du wirst nur mit der Tat erfasst› (Das Stunden-Buch):

«Ich geh doch immer auf Dich zu,
mit meinem ganzen Gehn;
denn wer bin ich und wer bist Du,
wenn wir uns nicht verstehn.»

Die Orientierungsachse der Ich-Du-Beziehung spielt sich im Doppelbereich ab von Innerlichkeit und Außenwelt, materiell ‒ immateriell, Ich und Selbst, Zeit und Ewigkeit, begreifen und ergriffen sein: Wir werden am Donnerstagvormittag (Tag 3) auf den Schlüsselbegriff Doppelbereich näher eingehen.

Dann gibt es noch die Beziehungen zu Dingen, die Ich-Es-Beziehungen. Ich spreche z.B. in unpersönlicher Weise vom Buch: es liegt auf dem Tisch. Sage ich jedoch:

‹ES gibt›,

komme ich wieder in den Bereich des Geheimnisses.

Die Dinge werden zu Brüdern, wie Rilke sagt im Stundenbuch:

«Ich finde Dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin.»

Hier fließen beide Bereiche zusammen, das letzte Du und das ES gehören beide dem Geheimnis an.

Ich stehe am Schnittpunkt dieser beiden Achsen,
der vertikalen Ich-Du-Achse und
der horizontalen Ich-Es-Achse.

Das kann mir zur Orientierung im Beziehungsgewebe helfen.

Vanja sagt dazu aus buddhistischer Sicht: Das Ich ist ein Knotenpunkt im Beziehungsnetz. Wir sind ohne wirkliche Grundlage. Wir finden uns in einer Welt ohne Substanz. Die Buddhisten sprechen von Nicht-Wesenhaftigkeit, ‹anatman›. Das ist eine schwierige Situation für die Orientierung. Wir können nicht begreifen, aber wir können uns hineinbegeben ins Geheimnis.

Bruder David: Ein gutes Beispiel ist die Musik. Wir können uns von ihr ergreifen lassen.

Tanz ‹Om Mani Peme Hung› (Tibet) ‒ ‹Mantra des Mitgefühls:

Eine Anrufung der göttlichen Liebe, die unendliches Mitgefühl ist. Frei übersetzt: ‹Mögen alle Wesen frei sein von Leid Mögen alle Wesen glücklich sein›!


Dienstagnachmittag:
2. Impulsvortrag (Vanja):

Als Orientierung können dienen: Texte, Stille und die Gemeinschaft, die Weisheit, die wir als Gruppe haben. Wir sind Teil eines größeren Ganzen. Buddhistisch ausgedrückt sind es die drei Juwelen, zu denen ich Zuflucht nehmen kann:

1. Ich nehme Zuflucht zu Buddha.

‹Bud› bedeutet wach. Buddha kann übersetzt werden: ‹wacher Geist›, unsere besten Momente. Auch psychedelische Substanzen können bei gutem Setting zu Einsichten verhelfen, zum Aufwachen helfen.

2. Ich nehme Zuflucht zum Dharma, der Lehre.

Damit ist eigentlich unser Leben mit seinen Erfahrungen gemeint. Das Leben selbst lehrt uns. Unsere Erlebnisse sind unsere Lehre.

3. Ich nehme Zuflucht zur Sangha:

zur Verbundenheit mit allen Lebewesen auf dieser Welt, zur Gemeinschaft zuerst mit unserem Partner, mit den Menschen am Arbeitsplatz.

Diese drei Juwelen sind drei Pfeiler der Orientierung.

Bruder David dazu: Diese drei Juwelen kommen zwar aus dem Buddhismus, berühren aber allgemein menschlichen Wurzelgrund. Man könnte es so zusammenfassen:

Wir wachen auf und leben wach das Leben
und merken, dass es letztlich um Beziehungen geht,
dass das Leben ein Netz von Beziehungen ist.

Frage: Wozu wache ich auf?

Vanja: Zu mystischen Einheitsmomenten. In meinen Kontakten, in Gesprächen, im Austausch kann ich dann wirken wie ein Prophet.

Bruder David: Ein Prophet ist ein Mahner. Durch außergewöhnliche Erlebnisse leben Propheten die Einsicht, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt und diese entscheidend ist. Sie mahnen den Rest der Welt: ‹Ihr seid auf dem Holzweg›! Sie sagen auch, dass wir alle gleichwertig sind und setzen sich deshalb ein für die Entrechteten. (Die außergewöhnlichen Erlebnisse der Propheten ähneln den Beschreibungen von Reisen mit Substanzen.)

Im Patanjali, dem Buch der Weisheit wird gesagt, dass man die Siddhis, die außergewöhnlichen Kräfte eines Yogi, auf verschiedene Weisen erreichen könne: spontan, durch Medizinpflanzen, Meditation, Tapas und Mantren.


Tag 2: Mittwochvormittag:
3. Impulsvortrag (Bruder David):

Bruder David fasst zuerst noch einmal das Wichtigste vom Vortag zusammen: Zur Orientierung gehören die Frage nach dem Standpunkt und wohin es geht.

1. Der Standpunkt: Wo stehe ich?

Ich stehe in einer persönlichen Beziehung zum Du, stehe in der Ich-Du-Achse, durch die ich in den Doppelbereich eintrete: Ich kann mich selber nicht völlig begreifen. Das geht über Zeit und Raum hinaus ins Geheimnis.

Das Geheimnis ist der Bereich,
mit dem wir uns auseinandersetzen müssen,
den wir nicht begreifen können,
von dem wir uns aber ergreifen lassen müssen, wie z.B. von der Musik.

Sich ergreifen lassen führt zum Verstehen.

Die Silbe ‹ver› im Wort ‹verstehen› ist eine Intensivierungssilbe; verstehen heißt also ‹völlig drin stehen›, englisch: ‹to understand›: ‹drunterstehen›.

[Bruder David ergänzend in Einsichten aus Rilkes Dichtung, Teil I (2014), 61f.; siehe auch in Verstehen:

Einer meiner Zen Lehrer hat immer gesagt: ‹O ihr im Westen, ihr sagt immer, ihr wollt verstehen im Sinne von u n t e r stehen, aber was ihr eigentlich wollt ist ü b e r stehen, aus der Hubschrauberperspektive betrachten.› Er sagt: ‹Ihr seid wie Leute, die unter der Dusche stehen und einen Regenschirm aufspannen.›

Oder so wie das Kind sagt: ‹Wie ist es eigentlich, wenn man stirbt? Ich möcht’s nicht tun, aber ich möcht‘s wissen.›

Wenn ihr Schwimmen lernt: Ihr könnt jedes Buch lesen oder euch jede Vorlesung über Schwimmen aneignen, habt aber dennoch keine Ahnung vom Schwimmen, bevor ihr ins Wasser geht. Man muss hineingehen: ‹Du wirst nur mit der Tat erfasst› (Rilke, Das Stunden-Buch).

Das Geheimnis ist uns unzugänglich, außer wenn wir auf die Frage: Wie? durch Tun antworten:

‹Tu es einfach, dann wirst Du schon verstehen.›]

Die zweite, zuerst unpersönliche Ebene, ist die Ich-Es-Achse. Aber mit ‹ES gibt› sind wir im Geheimnis des ES, an dem Punkt des Ursprungs, wo alles aus dem Nichts herausspringt.

Im Geheimnis treffen sich Du und Es. Dinge werden wie Brüder.

2. Der zweite Punkt der Orientierung, den Vanja angesprochen hatte, ist die Frage: Wohin geht es? Wie gehe ich weiter?

Der Buddhismus gibt die Antwort: Buddha ‒ Dharma ‒ Sangha: Aufwachen zum Leben in Beziehung. Wir stellen uns in Beziehungen. Dazu Ja zu sagen ist Liebe.

Liebe ist das gelebte Ja zur Zugehörigkeit,
das Ja zum Leben, und Leben ist Beziehung.

Thema dieses zweiten Vormittags ist unsere Beziehung zum Geheimnis. Statt Geheimnis können wir auch das Leben sagen.

Im Leben treffen wir auf das Leid, das ein Teil des Lebens ist.

Buddha sagt:

«So wie das Meer nur einen Geschmack hat nach Salz,
so schmeckt meine ganze Lehre nach Überwindung von Leid.»

Im Althochdeutschen bedeutet das Verb ‹leiden› soviel wie ‹gehen, fahren, reisen› und ist nicht verwandt mit dem Substantiv ‹Leid› in der Bedeutung von ‹leidig, widerwärtig›.

Leiden und Leid sind nicht dasselbe.
Leiden ist unvermeidlich,
wie der Tod und unsere Vergänglichkeit
unvermeidlich sind.
Leid dagegen muss überwunden werden.
Das Leidige im Leiden besteht darin,
dass wir uns gegen das Leiden sträuben.

Erst im Verlauf der Christianisierung mit der Vorstellung vom Leben des Menschen als einer Reise durch das irdische Jammertal vermischten sich die beiden Worte. Dennoch gilt es zu unterscheiden:

Wir können dem Leiden auf zwei Weisen begegnen:
m i t  der Faserung, das ist die Bewegung des Lebens:
Wir gehen mit dem Leben, und schauen, wo es hinführt,
oder  g e g e n  die Faserung, was zum Leid führt.

Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen Angst und Furcht.

Furcht sträubt sich gegen die Angst,
die zum Leben gehört:
Angst ist unvermeidlich.

Angst im Sinn von ‹Enge›, Beklemmung› gehört zur indogermanischen Wortgruppe ‹eng›: ‹einengen, zusammendrücken oder -schnüren›. Urverwandt dazu sind zahlreiche Wörter wie im Lateinischen ‹angustiae›: ‹Enge, Engpass, Klemme, missliche Lage.›

[Bruder David ergänzend in Wir sind schon über die Schwelle getreten (2021):

Angst hat jeder Mensch. Seit der Geburt begleitet sie uns. Immer wieder gelangen wir in unserem Leben wie vor der Geburt in eine Enge, aber wie bei der Geburt kennt die Angst auch das Lebensvertrauen.

Dieses Vertrauen sagt: Es gibt immer einen Weg hindurch, auch wenn es ganz schwierig sein wird. Und wenn wir in solchen Momenten auf das Leben zurückschauen und uns an frühere Situationen der Angst erinnern, dann spüren wir, dass die schwierigsten Situationen oft zu den schönsten wurden, weil es so etwas wie eine Neugeburt gab.]

Schön beschrieben ist dieses Vertrauen ins Geheimnis angesichts aller Schwierigkeiten im Gedicht von Joseph von Eichendorff: ‹Der Umkehrende, 4›; siehe auch Das Leid des Lebens zu Herzen nehmen, 24-27:

«Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
die Lust hat eignes Grauen,
und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
sich heimlich wie ein Dieb.
Wir alle müssen scheiden,
von allem, was uns lieb.

Was gäb’ es doch auf Erden,
wer hielt den Jammer aus,
wer möcht geboren werden,
hieltst Du nicht oben Haus.

Du bist’s, der, was wir bauen,
mild über uns zerbricht,
dass wir den Himmel schauen ‒
darum so klag ich nicht.»

Wir alle sind ins Geheimnis des Lebens hineingestellt, in das Unbegreifliche, von dem wir uns ergreifen lassen müssen, um es zu verstehen.

Bei Eichendorff heißt das Geheimnis Gott.

Das Wort ‹Gott› entstand früh in der Geschichte unsere Sprache und geht auf die indogermanische Wurzel ‹gheu› mit der Grundbedeutung ‹rufen› zurück.

Gott bedeutet wörtlich ‹Das Angerufene
vielleicht auch ‹Das uns Anrufende›
.

Jedenfalls schwingt bei dem Wort ‹Gott› von Anfang an die Gegenseitigkeit einer Ich - Du-Beziehung mit.

Gott in den religiösen Traditionen

In den Amen-Traditionen (Christentum, Judentum und Islam: sie haben das Wort Amen gemeinsam) ist die Ich-Du-Beziehung stark im Vordergrund. Amen heißt: Ja, ich vertraue, ich verlasse mich darauf. Im Judentum ist die Verlässlichkeit Gottes das Innerste.

‹Das Angerufene› oder ‹Das Anrufende› bezieht sich auf das WORT. Alles, was es gibt, will mir etwas sagen, ist Wort und erwartet meine Antwort.

Für den Buddhismus ist das, was für die Amen-Traditionen das WORT ist, das SCHWEIGEN.

Den Buddhisten geht es darum, sich ins SCHWEIGEN, ins Nichtwissen hinunterzulassen.

Wir finden das aber auch bei den christlichen Mystikern. Gerhard Tersteegen in der 5. Strophe im geistlichen Lied: ‹Gott ist gegenwärtig› (1729):

«Oh Wunder über Wunder,
ich lasse mich in Dich hinunter.»

Swami Venkatesananda gibt uns einen Schlüssel zum Verständnis des Hinduismus, wenn er sagt: «Yoga ist Verstehen». Das deutsche Wort ‹Joch› kommt von derselben Wurzel wie Yoga.

WORT und SCHWEIGEN sind da zusammen gejocht im VERSTEHEN.

Kommt Verstehen nicht immer dann zustande,
wenn wir auf ein Wort so tief hinhören
und ihm so innig gehorchen,
dass es uns zurückführt
in das Schweigen,
aus dem es kommt?

Dieses Horchen und Gehorchen ist auch der springende Punkt in der Bhagavadgita: Arjunas verzweifelte Frage kann keine andere Antwort finden als im Tun.

In der Bhagavad-Gita wird Prinz Arjuna mit einem Rätsel konfrontiert, das er wahrscheinlich gar nicht lösen kann. Der Glaube hat ihn in eine Situation gebracht, in der es seine Pflicht ist, eine gerechte, aber grausame Schlacht gegen seine eigenen Verwandten und Freunde zu führen. Wie kann ein friedliebender Prinz dieses Dilemma sinnvoll lösen? Sein Wagenlenker, der als Krishna verkleidete Gott Vishnu, kann ihm nur den Rat geben: «Tu deine Pflicht, und im Tun wirst du verstehen.» [Auf dem Weg der Stille (2016), 37-39; siehe auch Religionen ‒ drei Innenwelten]

Nur im Tun, im Erleben verstehen wir wirklich.

Das ist ein Prozess. Und das VERSTEHEN führt uns wieder zurück ins SCHWEIGEN: SCHWEIGEN ‒ WORT ‒ VERSTEHEN.

Aus dem SCHWEIGEN kommt das WORT
und führt zum VERSTEHEN und zurück zum SCHWEIGEN.

Die kappadokischen Kirchenväter in der zweiten Hälfte des 4. Jh. haben es den Reigentanz der Dreieinigkeit genannt.

Der Mystiker Thomas Merton (1915-1968) sagt:

«God isn’t somebody else»:
«Gott ist nicht jemand anders.»
und
«Wir stecken gemeinsam drin.»

Frage: Wo ist dann der biblische Gott?

Da müssen wir zurückfragen: Welcher Gott der Bibel? Der Gott welches Buches der Bibel? Seit dem 16. Jahrhundert spricht man erst von der Bibel. Früher sprach man von biblia, den Büchern.

Die Bücher sind Niederschlag des Ringens mit dem Geheimnis. In den verschiedenen Büchern der Bibel finden sich ganz verschiedene Vorstellungen von Gott.

Wesentlich bei allen Verschiedenheiten ist der Glaube, das Vertrauen, das sich Verlassen auf das Leben.

Das Gegenteil von diesem Glauben ist die Furcht.

Hier kommen wir zurück zu unserem Gegensatzpaar Angst und Furcht.

Während die Angst das Mitgehen mit dem Leben durch die Enge ist, sträuben wir uns in der Furcht dagegen. So ist das häufigste Wort in der Bibel die Aufforderung:

Fürchte dich nicht!
Es ist die Aufforderung,
mit dem Strom des Lebens mitzugehen
.

Rilke im Stundenbuch:

«Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten ausgespannt
immer mich ganz bedecken.

Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gieb mir die Hand.»

Tanz: Om namo Amitabaya Buddhaja Dharmaja Sanghaja

Amitabaya wird als der geistige Vater Avalokiteshvaras angesehen. Als der große Buddha des Mitgefühls wird er besonders in Südostasien verehrt. Man betet zu ihm in ganz schwierigen Zeiten, wenn man dringend Hilfe benötigt und sich nach Licht am Ende des langen Tunnels sehnt. Er erfüllt im Buddhismus eine ähnliche Funktion wie in der christlichen Tradition Maria.

Frei übersetzt:

‹Ich vertraue auf das Göttliche im Menschen,
auf die Eingebungen des Geistes und
auf die Gemeinschaft der Liebe› oder
‹Ich nehme Zuflucht zum Erwachen
zum Leben in der Gemeinschaft.›

Mittwochnachmittag: 4. Impulsvortrag (Vanja):

‹Ich nehme Zuflucht zu den drei Juwelen›:

Zuflucht nehmen ist auch ein Name für Orientierung.

Der Buddhismus kennt die drei Geistesgifte, die das Rad des Lebens in Gang halten und den Geist trüben:

1. Anhaftende Geisteshaltung: Habgier, Sucht

2. Ablehnende Geisteshaltung: Hass, Zorn, Aggression, Selbstbehauptung

3. Gleichgültige Geisteshaltung: Verblendung, Verwirrung, Unwissenheit

Sie können zu Großzügigkeit, zu Mitgefühl und Weisheit und Klarheit führen.

Wir leben in einer gegebenen Welt. Wir haben nichts als diesen Augenblick und in diesem Augenblick nur unser Bewusstsein. In diesem Augenblick ist alles gegeben: Ort, Stimmung, Gedanken. Wir haben wenig Kontrolle über die Gegebenheiten.

Wo ist der freie Wille?

[Bruder David wird am Freitagmorgen (Tag 4) auf das Thema Willensfreiheit eingehen]

Wir können auf die Gegebenheiten mit Dankbarkeit antworten. Aber manchmal empfinde ich den Augenblick auch als Gefängnis. Das Bewusstsein ist gefangen in Situationen. In diesen Situationen können die sechs Ratschläge des Tilopa (988-1069), des geistigen Urgroßvaters von Milarepa (1040-1123) hilfreich sein.

Tilopa sagt:

1. Erinnere dich nicht:                                  Lass los, was vergangen ist.
2. Stell dir nichts vor:                                    Lass los, was kommen wird.
3. Denke nicht:                                               Lass los, was jetzt ist.
4. Prüfe nicht:                                                 Versuche nicht, etwas zu begreifen.
5. Sei nicht in Kontrolle:                               Gib dich dem Fluss hin.
6. Ruhe dich aus, entspanne dich jetzt und hier.

Drei Daseinsmerkmale in der buddhistischen Lehre, drei Merkmale, die allen physischen und psychischen Phänomenen des Daseins innewohnen:

1. Vergänglichkeit, ‹anitya› oder ‹anicca
2. Leidhaftigkeit, ‹dukkha› (man kann es übersetzen mit dem Wort Stress)
3. Nicht-Wesenhaftigkeit, ‹anatman› oder ‹anatta›

Bruder David: Alles dreht sich um Nahrung und Paarung. Wir können den ganzen Prozess mit Humor anschauen. das macht uns zu Menschen.

Das Wort Humor ist aus der gleichen Sprachwurzel abgeleitet wie im Lateinischen die Worte, ‹humus› (Feuchtigkeit, fruchtbare Ackererde) und ‹homo› (Mensch). Wir sind ‹Erdlinge›.

[Siehe auch die Audios ‹Demut ‒ der Weg zum Gipfel› (12:13) und ‹Dem Welthaushalt freudig dienen› (48:27) in der Seminar-Reihe 2011 im Europakloster Gut Aich Dem Welthaushalt freudig dienen.]

Vanja: Humor ist für mich das Öl im Getriebe.

Bruder David: In jedem Menschen ist eine einzigartige Mischung von Leid und Freude. Keiner ist ersetzlich. Wenn wir unseren individuellen Beitrag geben, kann das im Positiven aus dem kommen, dass wir das Beste aus uns machen möchten. Im Negativen kann es aus der Rivalität kommen.

Postscriptum

Bruder David schreibt in seinem Buch Orientierung finden: Schlüsselworte für ein erfülltes Leben (2021): ‹Berufung ‒ folge deinem Stern›, 91f.; siehe auch in Berufung:

«Was ist mein tiefstes Begehren? Wozu bin ich besonders begabt? Und welche Gelegenheit bietet mir das Leben hier und jetzt, meine Begabung zu nutzen, um mein Begehren zu stillen?

Unser echtes Begehren sitzt tiefer als unsre Begierden.

Um herauszufinden, was wirklich dein tiefstes Begehren ist, wirst du einen Ort brauchen, an dem du ungestört allein sein und dir Zeit lassen kannst, um ganz still zu werden. Um innere Klarheit zu finden, ist Stille notwendig ‒ in uns und um uns herum.

Ein oft gebrauchtes Bild dafür ist trübes, aufgewirbeltes Wasser im Teich. In Stille wird es von selber klar. Du musst nichts tun, als zu warten, bis der Schlamm sich senkt, dann kannst du bis tief auf den Grund sehen. Stille ist auch unerlässlich, um die zarte Stimme des Herzens zu hören ‒ die Stimme unsres tiefsten Begehrens. Sie wird immer wieder übertönt vom lauten Schreien unsrer Begierden, verstummt aber doch nie ganz.

Begierden kommen und gehen. Um das bleibende Begehren unsres Herzens kennenzulernen, können wir uns also fragen: Wonach würde ich immer noch begehren, wenn all meine Begierden gestillt wären?»

Bruder David im Gespräch mit Anselm Grün und Johannes Kaup im Buch: Das glauben wir: Spiritualität für unsere Zeit (2015): ‹Die Achtlaster-Lehre ‒ oder: Die Anfänge einer spirituellen Psychologie›, S. 129-134:

«Weil ich selbst zum Jähzorn neige, hat es mich immer angesprochen, dass bei Thomas von Aquin der Zorn weitgehend positiv gewertet wird ‒ als eine Extraportion an Energie, die wir brauchen, um Widerstand zu überwinden, so wie wir beim Autofahren mehr Gas geben, wenn es steil den Berg hinaufgeht. Das negative am Zorn ist eigentlich nur die Ungeduld.» (S. 129)

«In unserem Kloster, in Mount Saviour, wurde uns die Lehre des frühen Mönchtums über Laster und Tugenden so dargestellt:

Unser Ziel ist es, wach im Jetzt zu stehen.

Dieses Ziel können wir auf dreierlei Weise verfehlen: Wir können das Jetzt versäumen, weil wir uns noch an die Vergangenheit klammern oder weil wir schon von der Zukunft träumen.

Wenn keines von beiden zutrifft, gibt es noch eine dritte Möglichkeit, das Jetzt zu versäumen: Wir können es verschlafen.

Alle anderen Laster entspringen diesen drei Wurzeln.

So sind zum Beispiel Nachträgerei, Geiz, Kleinlichkeit und Knauserei sowie Unmäßigkeit in Essen, Trinken, Sex und Luxus nicht offen für die einzigartig neue Gelegenheit, die das Jetzt uns bietet, weil wir uns an schon aus der Vergangenheit Bekanntes klammern.

Auf entgegengesetzte Weise können wir das Jetzt auch versäumen durch zornige Ungeduld, Neid und Missgunst, Geldgier, Ruhmsucht und ähnliche Verstrickungen in Wunschträume für unsere Zukunft.

Aber auch ohne an Zukunft oder Vergangenheit zu haften, können wir das Jetzt versäumen, etwa durch Trägheit, Trübsinn, Lauheit, Überdruss, oder durch jene Unlust auf allen Ebenen, die ‹akedia› genannt wurde und vom Mittagsdämon der Wüstenhitze stammen soll.

Diese Sicht vereinfacht den Katalog der Laster auf drei und macht zugleich verständlich, warum sie uns schaden:

Sie vereiteln unsere wache Antwort auf die Gelegenheit,
die das Jetzt uns schenkt.

Man kann anhand dieses einfachen Schemas
aber auch erkennen,
dass jede dieser potentiell negativen Neigungen
auch etwas Positives hat.

Jeder von uns neigt von Natur aus zu einer dieser drei Haltungen. Jede hat ihre Licht- und Schattenseiten. Es geht darum, die Lichtseite unserer natürlichen Neigung zu erkennen und zu entwickeln.

Laster sind schlechte Gewohnheiten, die uns zur zweiten Natur geworden sind. Aber wir können uns auch gute Gewohnheiten zur zweiten Natur werden lassen, also zu Tugenden.

Zwei Schritte sind dazu nötige. Wenn wir im ersten Schritt unsere Neigung erkennen, können wir im zweiten Schritt fragen, was unsere naheliegenden Tugenden sind, Tugenden, die uns leicht fallen, weil wir durch unsere natürliche Neigung schon leidenschaftlich in dieser Richtung gepolt sind.» (S. 133)

«Grundsätzlich ist die Antwort auf die Frage, wie wir mit unseren Schwächen und Lastern umgehen,

nicht dagegen anzukämpfen,
sondern das Positive darin zu finden.

Das Positive, das mir am nächsten liegt,
gilt es zu entwickeln.»
(S. 133)

Anselm Grün: «Ich zitiere da nur den Anfang des Märchens von den drei Sprachen. Der junge Sohn eines Grafen lernt die Sprache der bellenden Hunde. Sein zornentbrannter Vater verstößt daraufhin den Sohn. Dieser kommt zu einer Burg, um zu übernachten. Der Burgherr kann ihm nur den Turm anbieten, wo die bellenden Hunde hausen, die schon manchen zerrissen haben. Aber der Junge, der die Sprache der Hunde versteht, geht freundlich mit ihnen um. Da verraten sie ihm, dass sie nur deshalb so wütend sind, weil sie den Schatz hüten. Sie zeigen ihm den Schatz und helfen ihm, ihn auszugraben.

Das ist für mich ein hilfreiches Bild in der geistlichen Begleitung. Dort, wo einer die meisten Probleme hat ‒ der eine bei der Sexualität, der andere im Jähzorn, der andere wiederum in der Überempfindlichkeit ‒, liegt auch sein Schatz begraben. Der lauteste Hund ist der, der auch den Schatz anzeigt.» (S. 133f.)

Bruder David: «Ich habe mir immer gewünscht, dass es einen heiligen Georg gibt, den man klar an seinem Heiligenschein erkennen kann und der den Drachen tötet, den man natürlich schon deutlich an seinem Atem riechen kann.

Doch wo immer ich hinschaue,
hat in der Wirklichkeit der Drache
auch einen kleinen Heiligenschein
und der heilige Georg auch einen Drachenschwanz.

Also: Säuberliche Unterscheidungen finde ich nur in den Büchern, im wirklichen Leben nirgends.»

Bruder David zur ‹Akedia› oder ‹Acedia›, dem ‹Mittagsdämon› mit Trägheit, Trübsinn, Überdruss, Unlust auf allen Ebenen in seinem Buch Musik der Stille: Die Gregorianischen Gesänge und der Rhythmus des Lebens (2021), 102f.:

«Jeder hat seine eigene Version des Mittagsteufels. In der jüdischen Überlieferung wird gelehrt, dass man einfach tun soll, was einem aufgetragen ist, auch wenn einem nicht danach ist. Sag das Gebet, führe die Mizwa, das Gebot, aus. Mit der Zeit wird dein Gefühl sich dem, was du tust, angleichen. Wir wissen beispielsweise, dass eine wirkliche Hilfe in Depressionen ‒ für die der Mittagsteufel ein Symbol ist ‒ darin besteht, einfach in Bewegung zu bleiben: Mach einfach weiter, was du tun sollst, ob es dir gefällt oder nicht, ob dir danach ist oder nicht.

Der Mittagsteufel ist die Stimme der Negativität, der Verzweiflung und der Depression. Sein Gegenspieler, der ihm entgegengesetzte Engel, ist die Freude. Das Gegenteil von Freude ist nicht die Traurigkeit, sondern die Faulheit, welche die Mühe scheut, auf den geschenkten Augenblick voll und ganz zu antworten, und die Trübsinnigkeit, die daraus entspringt.»

Siehe auch in Erlösung ‒ Sünde und Heil: Ergänzend: 1.3. das Audio: Mit allen Sinnen leben
Christlicher Glaube in heutiger Sprache (3. Juli 1993):
Teil 3: «Die Rose, welche hier dein äußeres Auge sieht, die hat von Ewigkeit in Gott also geblüht» (Angelus Silesius):
(11:51) In der Schule der Wüstenväter und Wüstenmütter: Drei Hauptsünden: 1. Ungeduld, Zorn ‒ 2. Lust im Sinn von ‹sich anklammern› ‒ 3. Faulheit, Acedia, Traurigkeit

 

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