+Liebe Freunde,

heuer war die Weihnachtszeit für mich ganz besonders friedlich und innerlich stärkend. In der alten Heimat (ich durfte das Fest mit lieben benediktinischen Mitbrüdern im Kloster Gut Aich feiern) riefen vertraute Lieder und Volksbräuche fast schon vergessene Kindheitserinnerungen wieder wach. Tannenduft, Marzipan, Sternsingerstimmen, viele Kerzen, Kachelofenwärme und die nassen Kinderküsse von Schneeflocken am Handrücken – alle Sinne nehmen teil an einer solchen Weihnachtsfeier. Sogar die Barbarazweigerln sind rechtzeitig aufgeblüht. Und auch Traurigkeit gehört immer dazu: Jolly, unser alter Klosterhund, hat nur noch den letzten Adventsonntag erlebt und liegt jetzt an den Wurzeln des dicken Nussbaums in Erde, die Schnee zudeckt. Ich konnte mich in Panikkars Buch über die Trinität vertiefen und in die 99 Namen Allahs, über den Lauf der Welt nachsinnen, bis mir die Tränen kamen, und beten.

Nur eines kam völlig zu kurz: die Post. So wie in der Natur im Winter, so werden mit zunehmendem Alter die Tage immer kürzer; ich brauche mehr Schlaf. Selbst manchen Freunden, für die ich täglich bei Namen bete, konnte ich heuer nicht schreiben, obwohl E-Mail das ja erleichtern sollte. So schicke ich halt jetzt diesen Gruß aus und vertraue auf Eure Nachsicht. Alle, die mir geschrieben, aber keine sichtbare Antwort bekommen haben, wissen doch, dass sie sich auf unsichtbare Herz-zu-Herz Post verlassen können.

Im vergangenen Jahr, meinem 85., hab‘ ich mehr Vortragsreisen gemacht als in irgend einem anderen Jahr meines Lebens – Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, die Bahamas, Kalifornien, Alaska, Kanada, New York, Rumänien, Hong Kong, China, Thailand, Ägypten. Dank der Hilfe meines jungen Reisebegleiters Anthony Chavez ging’s mir recht gut dabei. Freilich, je mehr man sieht von der Welt, umso offensichtlicher wird, dass es um einen Wettlauf geht. Werden Gewalt, Überheblichkeit und Ausbeutung gewinnen, oder Friedfertigkeit, Demut und gerechtes Teilen? Die Zeit läuft ab. 2012 wird ein entscheidendes Jahr werden. Da wünsche ich uns allen Furchtlosigkeit (Gewalttätigkeit entspringt ja der Angst), Mut der Mitwelt und Umwelt zu dienen (das ist ja Demut, „Dien-Mut“) und Bereitschaft, die Opfer zu bringen, die nötig sind, um jene geteilte Freude zu erleben, die doppelte Freude ist. Kurz gefasst: „Fürchtet Euch nicht!“ Mit diesem Gruß der Engel grüßt Euch

Euer Bruder David

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