+Meine Lieben,

Auch heuer wieder möchte ich Euch festliche Grüße und gute Wünsche schicken zu dieser heiligen Zeit. Festlich werden diese Tage aber nur dann, wenn wir wieder spielen lernen, wie wir es als Kinder konnten. Damals war uns ja 2017 weihnachtennichts wichtiger, nichts ernster, nichts notwendiger als zu spielen. Diese Weisheit verdrängt leider die Schule allzu oft durch bloßes Wissen, sie treibt uns das Spielen aus und zwingt uns zur Arbeit. „Begriffe machen wissend,“ sagt Bernhard von Clairvaux, „Ergriffenheit macht weise.“ Die Weisheit aber spielt. Im Buch der Sprüche singt Sophia, die göttliche Weisheit, von ihrem Anteil am Bau der Welt – „am Anfang, beim Ursprung der Erde … als die Urmeere noch nicht waren, … als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen … ehe die Berge eingesenkt wurden … als er den Himmel baute, war ich dabei … als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich bei ihm … und spielte vor ihm allezeit … Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschenkindern zu sein“ (Spr. 8: 23-31).

Was immer wir tun in diesen Advents- und Weihnachtstagen, wir können es als Arbeit tun, oder als Spiel. Wer nur den Zweck im Blick hat, arbeitet; wer sich vom Sinn ergreifen lässt, spielt. Beim Arbeiten liegt der Zweck als Ziel außerhalb des Tuns; das Spielen aber ist sich selbst Ziel genug. Wir verfolgen keinen Zweck, wenn wir Musik spielen oder singen; wir tanzen auch nicht auf ein Ziel zu. Das Viele, das wir gerade in diesen Tagen zu tun haben, wird uns spielend gelingen, wenn wir nicht nur zweckmäßig handeln, sondern uns zugleich vom Sinn ergreifen lassen. So wie es Orte gibt, an denen der Vorhang, hinter dem das Große Geheimnis wartet, dünn und durchlässig ist, so auch Zeiten. Und diese Jahreszeit ist eine solche. In Adventsnächten wartet uns das große Geheimnis entgegen. Feiern wir es doch: Spielen wir! Nur wer spielt, feiert. Feiern mögen einen Nebenzweck haben, aber wenn ihr Hauptzweck nicht mehr das Feiern selber ist, dann haben sie ihren Sinn verloren. Wer feiert, spielt – aus keinem anderen Grunde, als zu spielen.

Im Kloster findet das feierliche Spiel der Adventsliturgie einen Höhepunkt in den großen O-Antiphonen. Und deren Erste,
O Sapientia, ruft die Weisheit an: „O Weisheit, hervorgegangen aus dem Mund des Höchsten – die Welt umspannst du von einem Ende bis zum andern, in Kraft und Milde ordnest du alles: Komm und offenbare uns den Weg der Einsicht.“ Den Weg der Einsicht zu finden, darum geht es. Ergriffenheit kommt zu Weihnachten leichter als zu anderen Zeiten. Vielleicht ist es eine Melodie, vielleicht ein Tannenzweiglein, vielleicht ein Kinderlachen, das uns ergreift. Lassen wir uns doch ergreifen. Dann können wir auf einmal wieder spielen, können feiern, und was wir bezwecken, hat plötzlich Sinn. Mögen wir so in das Jahr 2018 eintreten. Dann dürfen wir hoffen, einer weltumspannenden Ordnung der Kraft und Milde einen Schritt näher zu kommen – und das ist mein Herzenswunsch für uns alle.

Euer Bruder David

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